Im Schilderwald

Mac Pohanka und David Barnett greifen nach der Vergangenheit: Sie wollen mit Noble Signs die ikonische alte Ästhetik New Yorks konservieren – und betreiben von ihrem eigenen Museum aus eine Schilder­werkstatt, die Geschäfte in der ganzen Stadt beliefert. Hat das Handwerk aus vergangenen Zeiten eine Zukunft?

Im Erdgeschoss riecht es eindeutig nach Werkstatt – wenn man durch die eiserne Seitentür eintritt, bemerkt man sofort den unverwechselbaren Geruch von schwerem Gerät, Betonboden und Farbe. Optisch drängt sich der Eindruck eines Jahrmarkts auf: Bunte Glühbirnen leuchten rhythmisch von einem meter­breiten Schild an der Längsseite des Raums, Neon­röhren summen; in jedem Winkel steht ein anderes knallbuntes Schild mit schnörkeligem Schriftzug.

Eine Stichsäge jault auf, füllt den Raum mit einem hämmernden Kreischen. „Am besten sprechen wir oben“, sagt Mac Pohanka ent­schuldigend, „da ist es leiser.“ Am Ende einer knarrenden Holztreppe befindet sich ein hell ausgeleuchteter Flur, der in ein Grossraumbüro mündet. In der Mitte sitzen drei Mit­arbeitende an ­einem grossen, gemeinschaftlich ge­nutzten Holztisch vor ihren Laptops.

Leiser ist es hier in der Tat, doch ­optisch unterscheidet sich das Büro kaum von der Werkstatt: Jede Wand ist übersät mit bunten Schildern, Skizzen und Relikten aus einer vergangenen Welt – zum ­Beispiel ­einem Kugelschreiber-Automaten, der für eine 25- Cent-Münze ein Schreibgerät ausspuckt. „Aber wir nehmen dafür fünf Dollar und geben den Leuten eine Münze. Die Stifte sind echt teuer geworden – Inflation eben“, erklärt Pohanka und lässt sich neben seinem Co-Gründer David Barnett auf dem Sofa einer Sitzgruppe in einer Ecke des Büros nieder.

Die Geschichte der beiden Männer reicht gut zwei Jahrzehnte zurück, jene von Noble Signs in das Jahr 2013. Damals verwandelten die beiden ihre langsam ­gewachsene Passion in ein Business: das Schildermachen. Wenige Jahre später zogen sie in das zwei­stöckige Gebäude, das einst eine Fabrik war und das heute neben dem Wirkungsort von Pohanka und Barnett auch das „New York Sign Museum“ beherbergt. Nicht nur die wüste Werkstatt im Erdgeschoss, sondern auch ein Ausstellungsraum im oberen Stockwerk ist für Be­sucher mit privater Führung geöffnet.

Die Vintage-Schilder gelangen häufig über eine Tipp-Hotline in diese Räume. Die Tipps beinhalten dann meist einen Hinweis auf ein Gebäude, das ab­gerissen werden soll, oder ein Geschäft, das kurz vor der Schliessung steht und dessen Schild nun ­gerettet werden soll. Pohanka und Barnett wollen diese ­Schilder als Kunstwerke erhalten – indem sie sie retten und hier ausstellen und indem sie eigene, neue Schilder für Geschäfte kreieren, die nicht nur reinem Pragmatismus folgen, sondern auch einen ästhetischen Beitrag zu New York City leisten sollen. Zwischen den Relikten von gescheiterten Unternehmungen und ­vergangenen Zeiten soll ein neuer Versuch für die urbane Ästhetik gestartet werden. Morbide könnte man folgern: Die beiden arbeiten auf dem Friedhof ihrer eigenen Zunft.

Pohanka und Barnett sprechen bezüglich ihrer ­Karriere von einer „organischen“ Reise, obwohl keiner von beiden das Schildermachen professionell gelernt hat. Wie auch, geben sie zu bedenken – für dieses Handwerk existiere kein Lehrgang, nur das Selbststudium.

Die Schilder einer Stadt entscheiden über ihr Aussehen, genau wie die Architektur – wenn nicht sogar noch mehr.

Mac Pohanka

Alles begann auf dem Campus einer kleinen Universität in Iowa, wo Pohanka und Barnett Amerikanistik und Religiöse Studien studierten. Was sie gemeinsam hatten, war ein familiärer Hintergrund aus dem produzierenden Gewerbe. Mithilfe kleiner Fördergelder der Universität begannen sie schliesslich, Literatur­bücher ihrer Kommilitonen zu produzieren. Es war ein erstes Vortasten in ihre spätere Berufslaufbahn: „Wir lernten schon da, mit einem Budget zu arbeiten, Deadlines einzuhalten, uns mit Lieferanten zu koordinieren und Projekte zusammenzubasteln“, erklären sie.

Die Inhalte ihres eigentlichen Studiums hinter sich lassend entschieden sich beide für Karrieren in den Bereichen Mediengestaltung, Design und Merchan­dising. Den nächsten Schritt auf dem Weg zu Noble Signs ebneten befreundete Gastronomen: „Damals (in den späten 2000er-Jahren; Anm.) war die Hochzeit der Celebrity-Chefs“, erinnert sich Pohanka. „Jede Nachbarschaft konnte damals das hippste Restaurant der Stadt haben. Und die hatten meist nicht viel Geld, aber waren an Design und dergleichen interessiert.“ Und hier kam das kreative Duo ins Spiel.

Pohanka und Barnett designten für befreundete ­Besitzer und Pächter lokaler Bars und Restaurants – das taten die beiden rund dreieinhalb Jahre lang neben ihren regulären Vollzeitjobs. In dieser Zeit wuchs Noble Signs langsam und organisch, und im Jahr 2013 schliesslich wurde es zu einer Firma. Weitere vier Jahre später bezog Noble Signs den heutigen Standort im Südosten Brooklyns.

Viele ikonische und bekannte Laden- und Restaurantbesitzer sind seitdem dort ein- und ausgegangen. Sie schätzen die Arbeit eines modernen Designstudios, das es sich zum Ziel gesetzt hat, die Ästhetik des alten New Yorks zu bewahren.

New York City ist durchtränkt von einer verhältnismässig kurzen, aber ereignisreichen Geschichte. In wenigen Jahrhunderten hat sich die Stadt wieder und wieder neu erfunden – oft sind dann alte Teile der Moderne gewichen. Barnett erinnert an das heute weltberühmte Empire State Building, für das damals viele denkmalschutzwürdige Gebäude abgerissen wurden. „Aber der Unterschied zu damals ist, dass die neuen Bauten heute so aussehen, als ob sie überall stehen könnten“, sagt er.

Silbern spiegelnde Glasfassaden, graue Betonbauten, geometrische Formen, einheitliche Schilder: Pohanka spricht von der „Globalisierung des Handels“; und darüber, wie dies dazu beigetragen hat, wie New York City heute aussieht. Und er spricht darüber, wo die Arbeit von Noble Signs ansetzt: „Die Schilder einer Stadt entscheiden über ihr Aussehen, genau wie die Architektur – wenn nicht sogar noch mehr, denn mit Schildern interagiert man viel direkter.“

Das Aussehen von New York mitzugestalten ist eine Herzensangelegenheit für die beiden – doch natürlich geht es auch um die Geschäfte hinter dem Schild. Kunden kommen mit unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen: die reine Umsetzung eines Designs, Hilfe beim Erlangen von Erlaubnissen von der Stadt oder ein komplettes Rebranding. „Wir versuchen stets zu helfen“, erklären Pohanka und Barnett ihre Motivation im Kundenumgang.

Grössere Projekte haben bei Noble Signs schnell mal ein fünfstelliges Preisschild. Gleichzeitig ist es vor allem der stationäre Handel, der wirtschaftlich ungewisse Zeiten durchlebt: konjunkturelle Schwankungen, immer grösserer Druck durch den Onlinehandel und dessen Preisgestaltung; hinzu kommen in New York oftmals schwierige Verhandlungen mit Vermietern, der Stadt – und ein Immobilienmarkt, der sich ständig ändert.

Letztlich stammen die Inspirationsobjekte von Noble Signs aus einer Zeit, in der das stationäre Geschäft alternativlos war und das Anlocken von Kunden fast ausschliesslich in der Fussgängerzone passierte und nicht per Google Maps. Welche Geschäfte haben heute noch die finanziellen Ressourcen und den Zukunftsoptimismus, um sich ein teures Schild anfertigen zu lassen?

In der Tat macht der Einzelhandel einen eher ­kleinen Teil des Geschäfts aus – anders sieht das in der Gastronomie aus: Über der ikonischen kantonesischen Institution „Uncle Lou’s“ in Manhattans Chinatown hängt seit wenigen Monaten ein neues Schild von Noble Signs; ebenso über der hippen „Radio Bakery“ in Brooklyn, vor der sich oft lange Schlangen bilden. Auch politische Kampagnen gehören ins Repertoire von Noble Signs, wie zum Beispiel für den lokalen Abgeordneten Justin Brannan aus dem Strandbezirk Coney Island.

Und dann ist da natürlich noch das Museum, das als Non-Profit-Organisation geführt wird. Aktuell hat man dort nur über eine private Führung Zutritt, aber Barnett und Pohanka hoffen für die Zukunft auf mehr Platz und einen Status als ein für die Öffentlichkeit zugängliches Museum.

Es ist ein sonderbares Geschäft, das da weiterwächst, und das ganz organisch; mit einem Museum für Artefakte, die beinahe auf dem Schrottplatz oder im Müll gelandet wären – und die in ganz ähnlicher Form direkt nebenan für teures Geld neu hergestellt werden. „In normalen Museen kommt man rein und sieht etwas, das objektiv wertvoll ist“, so Barnett. „Aber bei uns entsteht der Wert dadurch, dass wir uns entscheiden zu erklären, wieso diese Schilder wertvoll sind und warum sich ihr Erhalt lohnt.“

Text: Sarah Sendner
Fotos: Sasha Bianca Photography

Forbes Editors

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