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Hanspeter Vochezer ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Swiss Butlers sowie Gründer und Präsident der Swiss Butler Association. Er kennt die internationale Luxushotellerie in- und auswendig, zählt die reichsten Schweizer Persönlichkeiten zu seinen Kunden und unterstützt als Knigge-Coach Unternehmen wie UBS, Julius Bär oder Porsche. Doch in einer Welt voller Luxus, Etikette und diskretem Service geht es ihm vor allem darum, Haltung zu zeigen.
Als wir an diesem Morgen den Hof vor der roten Backsteinvilla betreten, öffnet sich die Tür, kaum nachdem wir einen Fuss auf das Grundstück gesetzt haben. In einem dunkelblauen Dreiteiler, mit hellblauer Krawatte und goldener Anstecknadel am Revers hält uns Hanspeter Vochezer die Tür zu seiner Welt auf – ein Reich, das einem Grandhotel gleicht: poliertes Holz, dunkelblaue Türquasten, türkisfarbene Vorhänge, Karaffen und Kerzenleuchter, ein silberner Weinkühler am Fenster und ein ausladender Esstisch. Die Räume wirken wie ein privater Salon mit der Präzision eines Hotels: diskret, gepflegt und bis ins Detail auf Empfang eingestellt. So dauert es auch nur wenige Augenblicke, bis Vochezer uns die Frage stellt, die in seinem Kosmos das Natürlichste der Welt ist: «Was darf es sein? Wasser, Kaffee – oder vielleicht sogar ein Whisky?» An diesem Morgen ist Vochezer unser Gesprächspartner; und doch scheint die Rolle seines Lebens in jeder Geste mitzuschwingen: die des Butlers. «Das ist nicht einfach ein Beruf. Das ist eine absolute Passion. Sie müssen dafür brennen. Sonst haben Sie keine Chance», so Vochezer.
Das Geschäft, in dem sich Vochezer bewegt, ist klein, diskret und gleichzeitig Teil eines global wachsenden Markts. Denn die Nachfrage nach Butlern, House-Managern, Privatköchen oder Haushälterinnen hängt eng mit der Entwicklung grosser Vermögen zusammen. Laut Knight Frank Wealth Report 2024 stieg die Zahl der Ultra-High-Net-Worth Individuals (Personen mit einem Vermögen von über 30 Mio. US-$ bzw. 23,7 Mio. CHF) im Jahr 2023 global um 4,2 % auf 626.619 Personen. In den nächsten fünf Jahren rechnet Knight Frank mit einem weiteren Wachstum dieser Gruppe um 28,1 %.
Wo Vermögen wächst, wachsen auch komplexe Lebensrealitäten: mehrere Wohnsitze, internationale Mobilität, private Reisen, repräsentative Anlässe, Sicherheitsfragen, Immobilienunterhalt und die Organisation des Alltags. Der Butler von heute ist deshalb längst nicht mehr nur eine Figur aus der Welt alter Herrenhäuser – in Spitzenhaushalten übernimmt er Aufgaben, die eher an das Management eines kleinen Unternehmens erinnern: Personal koordinieren, Budgets verwalten, Dienstleister führen, Reisen organisieren, Abläufe sichern und Privatsphäre schützen. «Ich stand auch schon mit dem Rasenmäher da. Wenn spontan ein Apéro ansteht und der Gärtner nicht da ist, dann macht man es einfach. Genau das ist der Punkt: Ein Butler ist flexibel, sieht, was es braucht, und erledigt es», so Vochezer.
Aus Vochezers Haltung ist ein Geschäftsmodell entstanden, das mehrere Welten verbindet: Mit Swiss Butlers vermittelt er Hauspersonal und persönliche Assistenten; von Haushälterinnen über Butler bis hin zum Privatkoch und Property-Manager. Zwischen zehn und zwanzig Vermittlungen pro Jahr schliesst seine Agentur ab, jede davon mit hohem Aufwand – persönliche Gespräche, Referenzprüfungen, Dossiers, Abstimmungen mit Kundschaft und Kandidaten. Daneben schult er mit Knigge Coaching Führungskräfte zu Business-Etikette, Auftrittskompetenz und Serviceverständnis in verschiedensten Branchen wie Banken, Automobil oder Industrie. Zu seinen Kunden zählen die reichsten Schweizer Persönlichkeiten ebenso wie Unternehmen wie UBS, Julius Bär, Mercedes oder Porsche.
Der Kernmarkt von Swiss Butlers liegt im DACH-Raum, vor allem in der Schweiz. Je nach Position denkt Vochezer jedoch international: Eine Haushälterin sei meist ein lokales Geschäft, ein Privatkoch oder Butler könne hingegen global vermittelt werden. Der Prozess folgt dabei klassischen Strukturen der Personalvermittlung, ist aber bewusst persönlich angelegt: Nach Auftragserteilung werden Stellenprofile erstellt, Kandidaten über die eigene Datenbank, Website, Linkedin oder spezialisierte Plattformen gesucht, persönlich angeschrieben und erst nach schriftlicher Zustimmung mit Dossier vorgestellt. Danach folgen Interviews, Probearbeiten, Vertragsverhandlungen und Anstellung. Die Vermittlungsgebühr beträgt branchenüblich 20 % des Jahresbruttolohns.
Qualifizierte House-Manager in Zürich bewegen sich laut Lighthouse Careers typischerweise zwischen 80.000 und 150.000 CHF pro Jahr; aussergewöhnliche Profile in Ultra-Luxury-Haushalten können bis zu 200.000 CHF jährlich verdienen. Für professionelle Butler in der Schweiz nennt derselbe Anbieter ähnliche Grössenordnungen – je nach Erfahrung, Haushalt und Aufgabenprofil. Auch Privatköche können in diesem Segment sechsstellige Jahreslöhne erzielen. Je exklusiver der Haushalt, desto stärker zählen neben Fachwissen Faktoren wie Diskretion, Mehrsprachigkeit, Reisebereitschaft, Belastbarkeit und die Fähigkeit, komplexe private Strukturen zu führen.
Butler zu sein ist ein Mindset. Das sind Sie im Kopf. Alles andere können Sie lernen.
Hanspeter Vochezer
Dass Vochezer in seinem Auswahlprozess solch einen Aufwand betreibt, hat mit seinem Qualitätsverständnis zu tun. Er will keine Dossiers weiterreichen, ohne die Menschen dahinter zu kennen. Andere Agenturen würden genau das tun, sagt er: Profile verschicken, ohne Interview, ohne Telefonat, ohne echtes Bild. Für ihn ist das schlechter Service, respektlos gegenüber beiden Seiten und am Ende schliesslich auch schlecht fürs Geschäft. «Ein Kunde ist mein bester Brand Ambassador. Die Schweiz ist konservativ. Wenn Sie in diesem Land empfohlen werden, sind Sie drin. Das war von Anfang an mein Credo», so Vochezer.
Hinzu kommt die Swiss Butler Association, die Vochezer gegründet hat und bis heute präsidiert. Sie soll eine Berufsgruppe vernetzen, die sonst meist allein, diskret und im Hintergrund arbeitet. «Wir sind eine verschlossene Gesellschaft, eine Berufsgruppe, die eigentlich Austausch braucht», so Vochezer. Der Sinn sei es, junge Berufsleute zu fördern, ihnen Chancen zu geben und gleichzeitig einen offenen, aber diskreten Austausch zu ermöglichen. «So ist die Association entstanden: als Fachinstrument, um uns gegenseitig zu unterstützen.» Der Markt verändert sich dabei spürbar: Klassische Rollen wie der Chauffeur verlieren laut Vochezer an Bedeutung, weil jüngere Vermögende eher auf flexible Fahrdienste setzen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Allroundern, privaten Assistenzen, House-Managern und modernen Butlern, also Menschen, die nicht nur bedienen, sondern organisieren, antizipieren und Verantwortung übernehmen. Für Vochezer ist der Butler-Beruf deshalb kein nostalgisches Relikt, sondern Ausdruck einer Haltung: Diskretion, Verlässlichkeit und Wertschätzung in einem Umfeld, in dem Vertrauen oft wichtiger ist als jeder Titel.
Dass Vochezer lieber wartet, als ein unpassendes Dossier weiterzureichen, hat genau damit zu tun: «Ich sage nach zwei Wochen lieber, dass wir noch kein Dossier haben, statt irgendetwas zu schicken, hinter dem ich nicht stehe.» In privaten Haushalten entscheidet nicht allein die Qualifikation, sondern vor allem die Passung. Wer dort arbeitet, betritt intime Räume, erlebt Routinen, Stimmungen und Familiendynamiken aus nächster Nähe. Die richtige Person für den richtigen Haushalt zu finden ist deshalb vor allem eine Frage von Menschenkenntnis. Gerade in seiner Branche sei der persönliche Eindruck entscheidend: «Ich will die Leute sehen. Ich kann keinen Kandidaten vorstellen, den ich nicht kenne. Das gibt es bei uns nicht», so Vochezer. Fachliches Können sei wichtig, sagt er; doch es reiche nicht aus. «Ein sehr guter Butler entwickelt ein psychologisches Gespür», sagt Vochezer. «Butler zu sein ist ein Mindset. Das sind Sie im Kopf. Alles andere können Sie lernen.» Auch auf Kandidatenseite wird der Markt anspruchsvoller; gute Leute zu finden sei schwieriger geworden. Gleichzeitig profitiert Swiss Butlers von Glaubwürdigkeit und Empfehlungen. Vochezer nimmt nicht jedes Mandat an – es gebe Haushalte, für die er nicht arbeite, weil sie nicht zu den eigenen Standards passten: «Wenn gutes Hauspersonal bei einer Familie kaputt geht, dann passt das nicht zu unseren Werten.»
Wie gross der Bedarf an qualifiziertem Personal ist, zeigte sich auch in einem Projekt, das Vochezer gemeinsam mit der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern plante. Ab April 2020 hätte dort die Ausbildung zum «Certified Butler SHL» starten sollen – ein in Europa einzigartiges Programm an einem staatlich anerkannten Institut mit über hundertjähriger Tradition. Vochezer sah darin eine Chance, den Beruf zu professionalisieren und dem Mangel an gut ausgebildeten Butlern etwas entgegenzusetzen. Die Zusammenarbeit mit der SHL erfüllte ihn mit Stolz. Doch dann kam Covid. Die Hotelfachschule musste innerhalb kürzester Zeit auf Fernunterricht umstellen, ein praxisnahes Butler-Programm war unter diesen Bedingungen kaum umsetzbar. «Wir haben das Projekt auf Eis gelegt, alle Anmeldungen abgesagt», sagt Vochezer. Spätere Versuche, das Angebot erneut zu lancieren, fielen mit weiteren Pandemiewellen und vollen Auftragsbüchern zusammen. Irgendwann habe er entschieden: Jetzt nicht mehr. Schade sei es bis heute, sagt er; gerade weil das Konzept modular gedacht war und Theorie mit Praxis verbunden hätte.
Hanspeter Vochezer wuchs in Küsnacht bei Zürich auf. Schon früh zog es ihn in die Welt der gehobenen Hotellerie: «Die ganze Welt kommt zu Ihnen, und gleichzeitig haben Sie ein riesiges Thema im Hintergrund: Alles muss funktionieren, damit der Aufenthalt des Gasts möglichst schön und angenehm ist. Dazu kommt: Es ist nobel und zuvorkommend eingerichtet. Und Sie treffen ultraspannende Menschen aus der ganzen Welt. Das hat mich immer fasziniert – bis heute», sagt Vochezer.
Bevor er diese exklusive Welt betreten konnte, absolvierte er eine kaufmännische Berufslehre, ging für ein halbes Jahr nach Cambridge und schloss schliesslich an der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern sein eidgenössisches Diplom als Hotelier HF ab. Dazwischen arbeitete er ein Jahr lang als Praktikant im Baur au Lac in Zürich. Dieser Abschluss wurde für ihn zum Türöffner: «Mit einem Schweizer Pass und einem eidgenössischen Hotelabschluss konnten Sie damals überall arbeiten», sagt Vochezer.
Mit 24 Jahren folgte seine erste Auslandsstelle als Assistant F&B Manager und Duty Manager im Reid’s Palace Hotel, einem der traditionsreichsten Grandhotels Madeiras. Heute positioniert sich das Haus als eines der bekanntesten Luxushotels der Insel. Es wird immer wieder mit prominenten und auch historischen Gästen, darunter Winston Churchill, George Bernard Shaw, Gregory Peck, Roger Moore und Kaiserin Elisabeth von Österreich, in Verbindung gebracht. Auch das hoteleigene William Restaurant ist eine Michelin-prämierte Adresse. «Das hat mir viel mitgegeben: Verantwortung übernehmen, Disziplin, hinstehen; vor Leuten, die Sie loben, aber auch vor Leuten, die Sie stundenlang anschreien. Und das aus der ganzen Welt. Sie haben Gäste im normalen Doppelzimmer bis hin zur Präsidentensuite, wo Menschen 10.000 oder 20.000 CHF pro Nacht zahlen und sich beschweren, wenn der Früchtekorb nicht frisch ist. Und Sie können nicht sagen: ‹Das Housekeeping ist schuld!› Sie vertreten das Hotel.»
Danach folgten internationale Einsätze, unter anderem als ziviler Offizier auf der «GTS Constellation», einem Kreuzfahrtschiff mit Basis in Florida, sowie als Resort-Manager im Paradise Koh Yao in Thailand. Das Resort ist nur per Boot erreichbar und positioniert sich mit privatem Strand, Poolvillen und Panoramablick zwischen Phuket und Krabi als abgeschiedener Rückzugsort für anspruchsvolle Reisende.
In der Schweiz war Vochezer später unter anderem als Lehrlingsausbilder im Marriott-Hotel in Zürich tätig. Doch dort merkte er auch, dass nicht jedes Haus zu ihm passt: «Das war nicht mein Hotel. Eine amerikanische Maschine. Danach bin ich aus der Hotellerie ausgestiegen.»
Sein Weg führte ihn dennoch immer wieder in die gehobene Dienstleistung. Als Vizedirektor im Grandhotel Park in Gstaad, einem traditionsreichen Fünf-Sterne-superior-Haus, übernahm er eine Führungsposition in der Luxushotellerie. Eine besondere Wendung brachte schliesslich eine Anfrage aus seinem Netzwerk: Eine Agentur suchte kurzfristig einen Butler für die Frühlingssaison, unter anderem in Palm Springs. «Ich sagte: ‹Ja, cool, ich war zwar nie Butler, aber let’s try!›», erinnert sich Vochezer.
Auch ausserhalb der klassischen Hotellerie blieb Vochezer Genuss- und Servicewelten verbunden: Als Manager Events & Public Relations bei der Balik Lachsräucherei bzw. Caviar House & Prunier in Ebersol und Genf verband er Hospitality, Markeninszenierung und gehobene Kundenerlebnisse. «Wir wollten, dass Leute hochkommen, die Räucherei erleben und verstehen, wie der Lachs hergestellt wird. Das hat mich gereizt», sagt er. Fast drei Jahre baute er den Bereich mit auf. «Ich habe unglaublich viel bewegt. Alles, was ich aufgebaut habe, läuft noch. Aber ab einem bestimmten Punkt kam ich nicht mehr weiter», so Vochezer.
Diese Erkenntnis wurde zum Wendepunkt. Vochezer besuchte ein Coaching zur Standortbestimmung. «Ich merkte: Ich will meinen Elan und mein Engagement nicht immer für andere einsetzen. Selbstständigkeit – das kriege ich hin. Ich war überzeugt von mir.» Also entschied er sich, Swiss Butlers zu gründen und sich auf Mandatsbasis als Butler anzubieten. «Das gab es damals noch nicht. Alle haben mich ausgelacht.»
Kurz darauf entstand auch sein zweites Standbein: Vochezer traf eine Dame wieder, bei der er früher als Hotelangestellter zweimal ein Knigge-Training besucht hatte; sie bat ihm vor ihrer Pensionierung an, ihn auszubilden. So entstanden 2011 Swiss Butlers und Knigge Coaching fast parallel. Vochezer: «Kein Kunde, nur eine Vision und eine grüne Wiese.» Seit 2016 ist er zudem Präsident der Swiss Butler Association.
Der Start war allerdings weniger glamourös als die Welt, aus der Vochezer kam. Seine ersten Aufträge entstanden nicht aus einem grossen Netzwerk, sondern aus Zufällen sowie auch Hartnäckigkeit und der Bereitschaft, alles auszuprobieren: Vochezer machte Hunderte Cold Calls, wurde abgewiesen, kritisiert, teilweise angeschrien. Gleichzeitig investierte er in Geschirr, Equipment und eigene Formate, organisierte Business-Knigge-Dinners mit Privatkoch, Servicepersonal und zahlenden Gästen. Später kamen Banken, Luxusmarken, Private Aviation Companies und Yachtbroker dazu. Für Kabinenpersonal und Piloten entwickelte er Trainings direkt am Jet, für Superyacht-Crews Programme, die nicht im Seminarraum, sondern «on the job» stattfanden. So wuchs das Geschäft Schritt für Schritt – «wie ein grosser Baum», sagt Vochezer. Bis dieser Baum Früchte trug, dauerte es fünf bis sechs Jahre.
Parallel zur Selbstständigkeit arbeitet Vochezer weiterhin als Butler für internationale Privatkundschaft. Eine Zeit lang sei er jeweils über die Weihnachtszeit und Neujahr komplett ausgebucht gewesen: für russische Oligarchen, für das kuwaitische und katarische Königshaus und andere. Manche dieser Umfelder seien heute durch Krieg, politische Verschiebungen und persönliche Schicksale verschwunden: «Ich kannte die Leute, ich bin dort gewesen. Viele dieser Leute sind inzwischen im Gefängnis.»
Vochezer wandelte in der Welt, in der Geld keine Grenzen kennt, als Butler ganz oben. Dann kam Covid; und damit für Vochezer auch ein Moment der Bilanz. «Vielleicht muss ich diese Extreme nicht mehr so machen», sagt er. «Nach zwölf Jahren habe ich gemerkt: Vielleicht ist es jetzt gut.» Denn die Welt, in der Butler wie er arbeiten, ist nicht nur eine glitzernde – sie kann auch eine Welt sein, in der man Dinge sieht, die man lieber nicht gesehen hätte: «Das Umfeld kann heftig sein, Stichworte: ‹Wolf of Wall Street›, der Film ‹Hangover›, Epstein – alles in einen Shaker, gut geschüttelt, zwei Eiswürfel und ein Schirmchen drauf. Und ich bin der Butler, der das Ganze serviert. Sie können da nicht einfach raus. Sie sind auf einer Hochsicherheits-Yacht, Sie können nicht weglaufen. Das löst etwas aus.» Heute macht Vochezer nur noch zwei, drei sehr spezifische Butler-Einsätze für Stammkunden – etwa die Yachtshow in Monaco und das WEF in Davos. Dort wisse er, dass die Zusammenarbeit stimme: «Sie schätzen es, sie zahlen fair, und die Absprache ist gesund.»
Was Vochezer in Grandhotels, Privathaushalten und auf Hochsicherheits-Yachten gelernt hat, lässt sich nicht eins zu eins auf jedes Unternehmen übertragen. Dennoch liegt für ihn darin eine Lektion, die er für Führungspersonen sieht: «Vorbildfunktion und Sozialkompetenz», sagt er, seien die wichtigsten Fähigkeiten, die er Unternehmen mitgeben würde. Denn die Schweiz habe aus seiner Sicht nicht in erster Linie einen Fachkräftemangel, sondern einen Führungskompetenzmangel. «Was kostet Wertschätzung? Nichts!», sagt Vochezer. Und doch werde sie im Alltag viel zu oft vergessen. Ein Chef, der am Freitag durch die Abteilung gehe und sich für den Einsatz bedanke, ein ehrliches Lob oder ein sichtbares Zeichen der Anerkennung sind für ihn die Grundlagen guter Führung. «Danke sagen kostet nichts», sagt er. Gleichzeitig könne fehlende Wertschätzung teuer werden: durch Fluktuation, Vertrauensverlust und Mitarbeitende, die innerlich längst gegangen sind. Dass er damit ins Schwarze trifft, zeigt der aktuelle Gallup Engagement Index: Im vergangenen Jahr kostete geringes Engagement der Mitarbeitenden die Weltwirtschaft schätzungsweise rund 10 Bio. US-$ (7,9 Bio. CHF) an verlorener Produktivität. Das entspricht 9 % des globalen BIP.
Mit einer originalen Knigge-Ausgabe von 1788 in den Händen bringt es Vochezer auf einen einfachen Satz: «Es geht immer um Werte.» Ob im Grandhotel, im Privathaushalt oder im Unternehmen: Für ihn lässt sich am Ende alles darauf zurückführen – und auf die Bereitschaft, diese Werte nicht nur zu behaupten, sondern sie im Umgang mit Menschen sichtbar zu machen.
Fotos: Mara Truog