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Franz Mayr-Melnhof-Saurau führt eines der grössten Sägewerksunternehmen Europas – und setzt darauf, dass Holz den Betonbau ablöst. Seit seinem Amtsantritt hat er die Wertschöpfung des Familienbetriebs noch stärker in der Steiermark verankert, ohne das internationale Geschäft aus den Augen zu verlieren. Ein Besuch am Hauptsitz der Mayr-Melnhof Holz Holding in Leoben.
der Mayr-Melnhof Holz Holding im steirischen Leoben durchquert, ist häufig vom „Baron“ die Rede – der „Baron“, das ist Mayr-Melnhof-Saurau selbst; der sechste Franz in der langen Ahnenreihe der Unternehmerfamilie Mayr-Melnhof. Viele der Mitarbeiter nutzen die Anrede, um ihren Respekt vor der Familientradition des Unternehmens auszudrücken, wie eine Angestellte verrät. Mayr-Melnhof-Saurau trägt eine Tweed-Jacke, die an den britischen Landadel erinnert, als er Forbes mit einem herzlichen Lächeln im Bürogebäude auf dem Gelände des Sägewerks empfängt. Rund drei Millionen Festmeter Rohholz fertigt das Unternehmen jährlich ab. Dichter Fichtenwald säumt die Hügel rund um das Areal, auf dem emsiges Treiben herrscht und Holz – egal, in welche Richtung der Besucher blickt – entweder gestapelt, zur Weiterverarbeitung geschickt oder auf Lastkraftwagen abtransportiert wird.
Schnell ist dem Besucher klar: Hier regiert das Holz. Den Anfang nimmt der Produktionskreislauf am Rundholzplatz: Fahrzeuge entladen Stämme aus der Region, die eine vollautomatische Sortieranlage Stück für Stück vermisst – nach Länge, Volumen, Qualität und Baumart. Sortiert nach Grössenklassen wandert das Holz anschliessend in die Sägeanlage, wo es zu Schnittholz zerkleinert und dann getrocknet wird. Aus drei Millionen Festmeter pro Jahr entstehen so etwa 1.750.000 Kubikmeter Schnittholz. Als Endprodukt verkauft die Holz Holding Brettschichtholz und Sonderbauteile, aber auch Brettsperrholz, Holz-Beton-Verbundelemente, Holzmassivbauelemente, Schalungsplatten und Pellets. Es ist ein Geschäft, das die Familie über Jahrzehnte ausgebaut hat.
Wenn der Name Mayr-Melnhof fällt, weiss in Österreich nahezu jeder Bescheid. Die Familie Mayr-Melnhof blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück, die eng mit der heimischen Industrie verbunden ist: Im 19. Jahrhundert gelangte die Familie mit der Stahl- und Hüttenwirtschaft zu grossem Vermögen. Mit ihren Ressourcen hat sie zwei international tätige Unternehmen aufgebaut, die sich noch heute mehrheitlich (bzw. im Fall der Holz Holding gänzlich) in Familienbesitz befinden: den Verpackungsproduzenten Mayr-Melnhof Karton AG und die Mayr-Melnhof Holz Holding, die zu den zehn grössten Sägewerksunternehmen Europas zählt. In der Holz Holding fungiert Franz Mayr-Melnhof-Saurau als Stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats und Eigentümer. Forbes besuchte ihn Ende Mai am Hauptsitz des Unternehmens, um über die Bedeutung der Forstwirtschaft in Österreich, die Besonderheiten des Baustoffs Holz und das Familienerbe zu sprechen.
Auf Geschichte kann man stolz sein, aber sie ist nicht das, wovon wir in Zukunft leben.
Franz Mayr-Melnhof-Saurau
Im Jahr 1872 wurde das Sägewerk an der Stelle gegründet, an der die Holz Holding heute ihren Hauptsitz hat. Noch in den 1980er-Jahren exportierte das Unternehmen die Festmeter nach Italien, sodass die Wertschöpfung im Wesentlichen ausserhalb Österreichs passierte. Mittlerweile produziert die Holz Holding selbst Brettsperrholzplatten und Leimbinder und beliefert Zimmereibetriebe in ganz Europa, die mit den Holzprodukten Schulen, Altersheime und Hochhäuser bauen. „Es ging darum, die Wertschöpfung Schritt für Schritt zu vertiefen“, sagt Mayr-Melnhof-Saurau. Als die österreichische Sägeindustrie Anfang der 2000er-Jahre Richtung Deutschland expandierte, entschied sich Mayr-Melnhof-Saurau für Tschechien. „Wo alle hingehen, sinken die Chancen“, erinnert er sich an die damalige Entscheidung. In Paskov nahe der polnischen Grenze entstand 2004 ein Werk, das zu einem der erfolgreichsten des Konzerns werden sollte – getragen von einer lokalen Belegschaft, die, ähnlich wie im steirischen Leoben, eine aus der Stahlwirtschaft gewachsene Industriekultur aufweist. „Es war der erste Schritt für die Holz Holding in Richtung Internationalität“, so Mayr-Melnhof-Saurau.
Im September 2009 folgte mit dem Werk Efimovskij eines der grössten Sägewerke Russlands, inklusive eigener Forstgesellschaft. Die Russland-Expansion wurde jedoch von der Immobilienkrise getrübt. Später kamen geopolitische Faktoren hinzu: Im Dezember 2022 entschied sich das Unternehmen dazu, das russische Werk aufgrund des Ukraine-Kriegs zu verkaufen. Kurz zuvor hatte sich der Konzern mit 93 % an der schwedischen Sägewerksgruppe Bergkvist Siljan beteiligt. Damit kamen drei weitere Sägestandorte hinzu.
Ein Rundgang über das Gelände untermauert, dass ein Grossteil der Wertschöpfung mittlerweile in Leoben geschieht. Mayr-Melnhof-Saurau führt das Forbes-Team über den Rundholzplatz, durch die Sägehalle und am Schnittholzlager vorbei. In regelmässigen Abständen ziehen Lastkraftwagen vorbei, die vollgepackt mit Holz auf die nah gelegene Autobahn auffahren.
Dass Mayr-Melnhof-Saurau eine wichtige Rolle im Holzgewerbe einnehmen würde, war abzusehen – wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte: Als er 16 Jahre alt war, verunglückte sein Vater Franz Mayr-Melnhof bei einem Autounfall tödlich. Dessen Vater, der die Geschäfte bereits an seinen Sohn übertragen hatte, kehrte zurück, um das Unternehmen bis zum 30. Geburtstag seines Enkels weiterzuführen. Testamentarisch hatte Mayr-Melnhof-Sauraus Vater festgelegt, dass sein Sohn den Betrieb erst mit 30 übernehmen dürfe; eine weise Entscheidung, wie sich herausstellte – das langsame Hineinwachsen erlaubte Mayr-Melnhof-Saurau, sich mit den Herausforderungen in der Holzindustrie schrittweise vertraut zu machen. Er ging in Österreich und England in die Schule, bevor er zurück in der Steiermark ein betriebsbegleitendes College absolvierte, das auch Praktika in deutschen Forst- und Holzverarbeitungsbetrieben vorsah. Mit Mitte zwanzig kehrte Mayr-Melnhof-Saurau fertig ausgebildet in den Familienbetrieb zurück.
Was auffällt: Für den Nachfahren einer Familie, die Österreichs Wirtschaft seit Jahrhunderten massgeblich mitgestaltet, blickt Mayr-Melnhof-Saurau erstaunlich wenig zurück. „Auf Geschichte kann man stolz sein, aber sie ist nicht das, wovon wir in Zukunft leben“,
sagt er. Abseits der Holz Holding hält er den Vorsitz im Familiensyndikat (Vertrag, bei dem Mitglieder einer Unternehmerfamilie ihre Anteile an einem Familienunternehmen bündeln) der Mayr-Melnhof Karton AG. Dort setze er sich dafür ein, dass die Familie weiterhin geeint agiert, sagt er.
Im Holzgeschäft steht die Innovation im Fokus – und das, obwohl Holzbau in der modernen Architektur lange nur einen bescheidenen Ruf genoss. Mayr-Melnhof-Saurau erzählt von einem Lehrling des Unternehmens: „Für ihn war klar – das Haus, das seine Familie bauen will, soll aus Holz bestehen.“ Das soziale Umfeld zeigte sich skeptisch und riet zum altbewährten Ziegelbau. Auch die modernen Architekturbeispiele, die das Unternehmen in Vorträgen zeigte, verfehlten ihre Wirkung: Für jemanden, der ein Familienhaus bauen wollte, wirkten die avantgardistischen Holzbauten eher fremd als einladend. Den Ausschlag gab ausgerechnet ein Unfall auf dem Forstbetrieb der Holz Holding: Ein altes Holzhaus brannte ab, nachdem ein Aggregat Feuer gefangen hatte. Es wurde mit Brettsperrholz originalgetreu wieder aufgebaut. Als Bekannte und Freunde der Familie dieses Lehrlings das fertige Haus besichtigen konnten, legte sich die Skepsis. Heute wohnt die Familie des Lehrlings in einem Haus, das ganz aus Holz gefertigt ist. Mayr-Melnhof-Saurau erzählt das Erlebnis sichtlich gerne nach; er nutzt das Beispiel immer wieder, um Interessenten von der Holzbauweise zu überzeugen. Es hat etwas Schwärmerisches, wenn er vom Werkstoff Holz spricht: „Ein Holzhaus riecht gut, ist nachhaltig und erzeugt ein ganz anderes Lebensgefühl!“
Mit dem Erwerb der Stallinger/Kaufmann-Gruppe schuf Mayr-Melnhof-Saurau die Grundlage dafür, das industrielle Bauen mit Holz zur Serienreife zu bringen. Module werden in der Halle vorgefertigt, von lokalen Professionisten ausgestattet und dann auf die Baustelle geliefert – ob nach Wien, Berlin oder Hamburg. „Projekte werden so ‚in cost and time‘ abgeliefert“, sagt Mayr-Melnhof-Saurau. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist der Holzbauanteil im heimischen Hochbau auf über 24 % angestiegen, in der Unterkategorie Wohnbau fiel der Zuwachs noch deutlicher aus. Während die Baukrise in den vergangenen zwei Jahren auch im Holzbau zu einem Rückgang der Auftragseingänge führte, könnte der öffentliche Bau neues Momentum kreieren: Im Dezember 2023 beschloss der Ministerrat einen Drei-Punkte-Plan zur Stärkung des Holzbaus, mit dem Ziel, öffentliche Bauten zur Vorbildfunktion zu machen.
Jedenfalls liegt kaum ein EU-Land dermassen an der Quelle des Baustoffs Holz wie Österreich: Beinahe die Hälfte des Bundesgebiets ist mit Wald bedeckt. 82 % davon befinden sich in Privathand. Unternehmen der Forst- und Holzwirtschaft erwirtschaften eine direkte Bruttowertschöpfung von 26,5 Mrd. €, was etwas mehr als 6 % der heimischen Wertschöpfung entspricht. Entlang der Wertschöpfungskette ist jeder elfte Arbeitsplatz auf die Forst- und Holzwirtschaft zurückzuführen, wie eine Econmove-Studie aus dem Jahr 2023 verrät. Der grösste Privatforstbetrieb des Landes gehört Mayr-Melnhof-Saurau – das Gebiet umfasst rund 32.000 Hektar Wald, mehrheitlich Fichten, und liegt zur Gänze in der Steiermark.
Leoben ist kein Zuwanderungsgebiet – das weiss man dort selbst. Aber es ist logistisch gut erreichbar, über Autobahn und Bahn, und liegt mitten in einem industriell geprägten Umfeld, das seit Jahrhunderten mit Verarbeitungsbetrieben vertraut ist. „Wir wissen, auf welchem Fundament wir aufbauen“, sagt Mayr-Melnhof-Saurau. Für eine Region, die keine Wachstumsregion ist, sieht er im Unternehmen einen relevanten Anker: hochwertige Arbeitsplätze mit guten Ausbildungsstandards, die Menschen in der Steiermark halten sollen. Er erzählt von Mitarbeitern, deren Familien seit zwei, drei Generationen im Betrieb tätig sind. „‚Familienbetrieb‘ ist ja nicht nur die Familie, der der Betrieb gehört“, sagt Mayr-Melnhof-Saurau, „sondern das sind auch die Betriebsfamilien als starke Säulen.“
Zwischen 2020 und 2023 hat das Unternehmen 175 Mio. € in ein neues Brettsperrholzwerk, ein Nachsortier- und Hobelwerk sowie ein vollautomatisches Hochregallager zur Schnittholzlagerung investiert. Es handelt sich um das weltweit erste PEFC-zertifizierte Bauprojekt dieser Grössenordnung (PEFC ist ein Gütesiegel für nachhaltige Forstwirtschaft). Mayr-Melnhof-Saurau ist abseits der Funktion im Unternehmen auch Landesjägermeister und Vizepräsident der Industriellenvereinigung Steiermark. Seinen Wunsch an die Politik formuliert er entsprechend konkret: Es brauche einen „Kahlschlag“ in den Auflagen, um Investitionsanreize zu setzen.
Welche Rolle die nächste Generation der Mayr-Melnhof-Familie in der Holz Holding spielen wird, lässt er offen. Zwei seiner drei Kinder absolvieren eine wirtschaftliche Ausbildung; vieles deutet darauf hin, dass auch seine Nachfahren das Unternehmen prägen werden. Noch sei aber alles offen, betont Mayr-Melnhof-Saurau. „Mit Zwang wird es schwierig“, sagt er.
„Es ist viel aufgegleist, aber nichts entschieden.“
Fotos: Moritz Scheer