Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Bereits als Kind zeichnete Eleonore Poli einen Roboter, der die Menschheit retten soll. Heute gestaltet die Analog-Astronautin die Zukunft der Raumfahrt mit – als Space Manager beim Forschungszentrum CSEM und Gründerin von CHASM, einem Netzwerk für analoge Raumfahrt. Extremsituationen und eine Nahtoderfahrung haben Poli gelehrt, Lösungen im Chaos zu finden. Ihr grösster Traum: einmal selbst ins All zu fliegen – nicht als Touristin, sondern um mit ihren Erkenntnissen das Leben auf der Erde inklusiver und zukunftsfähiger zu machen.
Am 12. Juli 2021 fällt um Punkt 18 Uhr die Tür ins Schloss. Vor Eleonore Poli und ihrer fünfköpfigen Crew liegen neun Tage Isolation – ohne Mobilfunkempfang und Sonne, dafür bei ungefähr 13 Grad Celsius und mehr als 80 % Luftfeuchtigkeit. Als Commander der sogenannten Genesis Crew leitet Poli die erste Mission des studentisch organisierten «Asclepios»-Programms: eine simulierte Mondmission in einem unterirdischen Teststollen nahe dem Grimselpass rund 450 Meter unter dem Berg in den Berner Alpen. Das Ziel: Technologien, Prozesse und menschliche Belastbarkeit unter realistischen Bedingungen zu erproben und so die Risiken und Kosten künftiger Mondmissionen zu senken.
Die Crew wird täglich um 6.30 Uhr mit Musik geweckt und geht gegen 22 Uhr schlafen. Dazwischen ist der Tag weitgehend durchgeplant: von wissenschaftlichen Experimenten – etwa zu Mondbeben – über das Testen von Geräten und Abläufen bis hin zur Wartung des Habitats und der Dokumentation der Ergebnisse. «Alles war durchorganisiert: die Kommunikation, die Experimente, der Zeitplan. Es hatte sogar jedes Lebensmittel eine Nummer und es gab einen festen Duschplan», erinnert sich Poli rückblickend im Gespräch mit Forbes Swiss und lacht. «Selbst der Gang zur Toilette war Teil der Missionssprache: Wenn wir rausmussten, beantragten wir eine ‹EVA (Extravehicular Activity, Anm.) for composting›.»
Wir können bestimmte Situationen so realistisch gestalten, dass wir daraus lernen, bevor Menschen ihnen tatsächlich im All ausgesetzt sind.
Eleonore Poli
Poli ist Analog-Astronautin und arbeitet beim Schweizer Forschungs- und Technologiezentrum CSEM in Neuchâtel – das bedeutet, dass sie nicht tatsächlich ins All fliegt; vielmehr nimmt sie an Missionen teil, die Bedingungen eines Aufenthalts auf dem Mond oder Mars auf der Erde nachbilden. In extremen, isolierten Umgebungen – unter Wasser, in Wüsten, Höhlen und Eisregionen – werden die psychologischen und physiologischen Reaktionen der Crew sowie von Technologien getestet. «Natürlich ist es nicht der Weltraum», sagt Poli. «Aber wir können bestimmte Situationen so realistisch gestalten, dass wir daraus lernen, bevor Menschen ihnen tatsächlich im All ausgesetzt sind.» Analoge Missionen sind quasi die sichere und kostengünstige Generalprobe auf der Erde – denn während das Artemis-Mondprogramm von der Nasa bis 2025 bereits auf 86 Mrd. US-$ veranschlagt war, verfügte Asclepios I über ein Budget von 90.000 CHF. Selbst Mars 500, bei dem sechs Teilnehmer 520 Tage lang einen Flug zum Mars und zurück simulierten, kostete «nur» rund 15 Mio. US-$ (12 Mio. CHF).
Das prominenteste Beispiel für die Bedeutung von Polis Arbeitsfeld dürfte die Rettung von Apollo 13 im Jahr 1970 darstellen: Nachdem eine Explosion des Sauerstofftanks ein Modul von Apollo 13 schwer beschädigt hatte, schwand der Strom- und Sauerstoffvorrat der Astronauten rasant. Die einzige Überlebenschance bestand darin, die kleine Mondlandefähre als Rettungsboot zweckzuentfremden. Da es für dieses extreme Szenario jedoch keine fertigen Notfallprotokolle an Bord gab, mussten Ersatzcrews am Boden in Simulatoren neue Checklisten und Überlebensstrategien entwickeln. Erst nachdem diese Verfahren auf der Erde erfolgreich getestet worden waren, wurden sie per Funk an die Astronauten im All übermittelt.
Damit bewegt sich die 31-jährige Poli in einem Sektor, der sich zum globalen Milliardenmarkt entwickelt hat: Laut Orbital Radar erreichte die Space Economy 2025 ein Volumen von 626 Mrd. US-$. Vor allem durch sinkende Kosten für Satelliten und die Integration von KI steht dem Markt eine massive Expansionswelle bevor: Analystenhäuser wie Novaspace prognostizieren bis 2034 mehr als 1 Bio. US-$. Langzeitstudien des Weltwirtschaftsforums und McKinsey erwarten bis 2035 sogar ein Wachstum auf bis zu 1,8 Bio. US-$. Auch Olivier L. de Weck, Apollo Program Professor of Astronautics and Engineering Systems am Massachusetts Institute of Technology, skizziert gegenüber Forbes Swiss das grosse Potenzial: «Die New Space Economy wächst vor allem durch weltraumgestützte Kommunikationsdienste: Hochgeschwindigkeitsinternet aus dem All und direkte Verbindung zu Endgeräten (Direct-to-Device), inklusive Internet-of-Things-(IoT)Anwendungen, gelten als die vielversprechendsten Geschäftsfelder. Der globale Raumfahrtmarkt wächst derzeit grob mit 10–12 % pro Jahr und damit deutlich schneller als die klassische Luftfahrt, die eher bei etwa 4–5 % pro Jahr liegt.»
Ganz vorne mit dabei: Space X mit seinem historischen Börsengang im Juni 2026 und einer Börsenbewertung von 1,8 Bio. US-$. Auch Vantor (früher Maxar Intelligence), Spezialist für hochauflösende Satellitenbilder, oder Planet Labs (mit der grössten Flotte von Erdbeobachtungssatelliten und einem Umsatz von knapp 308 Mio. US-$ 2026) nehmen eine bedeutende Rolle im Markt ein.
Doch während Space-X-Gründer Elon Musk von einer multiplanetaren Menschheit und einer dauerhaften Stadt auf dem Mars spricht, und Jeff Bezos, Gründer von Blue Origin, die Vision grosser Siedlungen zwischen Erde und Mond verfolgt, betrachtet Poli solche Szenarien zurückhaltend. «Bevor wir über ein dauerhaftes Leben auf dem Mond oder Mars sprechen, müssen wir zuerst zeigen, dass unsere Technologien, Lebenserhaltungssysteme und Habitate unter diesen extremen Bedingungen wirklich funktionieren. Der Mond ist dafür ein vergleichsweise nahes Testfeld: Dort können wir lernen, wie Menschen trotz Strahlung, Isolation und stark begrenzter Ressourcen sicher leben und arbeiten können.»
Apollo 13 steht für eine Zeit, in der Staaten milliardenschwere Einzelmissionen finanzierten und Raumfahrtagenturen die dafür nötigen Technologien weitgehend selbst entwickelten. Heute treffen in der sogenannten «New Space Economy» NASA, ESA und andere staatliche Akteure auf private Unternehmen und Investoren, die kommerzielle Märkte erschliessen; inzwischen machen sie 78 % der globalen Space Economy aus. Zugleich haben sich die staatlichen Agenturen vom alleinigen Betreiber zum Kunden gewandelt: Die NASA kauft heute Transportdienste privater Anbieter ein, statt jede Rakete selbst zu bauen.
Der Wert der Raumfahrt entsteht jedoch nicht nur durch Raketenstarts und Infrastruktur im Orbit: Satelliten bilden heute eine zentrale Grundlage für Navigation, Kommunikation, Landwirtschaft, Logistik und Klimaforschung. So dokumentieren sie etwa das Abschmelzen von Eisschilden, erfassen Emissionen und erkennen Waldbrände in schwer zugänglichen Regionen. «Wenn wir über Raumfahrt sprechen, denken viele zuerst an Raketen und Astronauten», sagt Poli, «aber sehr viele Anwendungen begegnen uns jeden Tag, ohne dass wir sie überhaupt als Raumfahrt wahrnehmen.» Auch die Medizin profitiert: In der Schwerelosigkeit verlieren Astronauten laut ESA pro Monat rund ein bis zwei Prozent ihrer Knochenmasse. «Im Weltraum können wir bestimmte körperliche Veränderungen gewissermassen im Zeitraffer beobachten», erklärt Poli. Erkenntnisse daraus fliessen unter anderem in die Forschung zu Osteoporose, Muskelabbau und längerer Bettlägerigkeit ein.
Als Commander der Asclepios-I-Mission koordinierte Poli die Crew, überwachte wissenschaftliche Aufgaben und Sicherheitsvorgaben und fungierte als Schnittstelle zur Mission Control. Zugleich musste sie erkennen, wann einzelne Crewmitglieder unter der Isolation und hohen Belastung an ihre Grenzen kamen. Dafür arbeitete Poli ehrenamtlich. Bei grösseren, staatlich finanzierten Analogstudien werden Teilnehmende teilweise entschädigt; eine einheitliche Vergütung für Analog-Astronauten gibt es jedoch nicht.
Besonders schwierig ist bei längeren Missionen häufig das dritte Viertel der Zeitspanne – bekannt als «Third-Quarter-Phänomen»: Die anfängliche Aufregung ist verflogen, das Ende der Mission aber noch nicht greifbar. Daraus entstehen eine gesteigerte Reizbarkeit, depressive Verstimmungen, verminderte Leistung sowie sozialer Rückzug. «Stress reduziert unsere persönlichen Ressourcen. Im Extremfall geraten wir in einen Selbsterhaltungsmodus, in dem wir uns nur noch auf das eigene Überleben konzentrieren können – das macht uns asozial und schadet der Zusammenarbeit», erklärt Prof. Jan Schmutz-Henestrosa, Professor für angewandte Teamforschung am Psychologischen Institut der Universität Zürich, und führt weiter aus: «Belastungen und positive Erlebnisse übertragen sich zwischen den Crewmitgliedern. Negative Stimmung ist deshalb nicht nur ein individuelles, sondern ein kollektives Phänomen.» Als Commander versuchte Poli deshalb, Belastungen früh zu erkennen und Aufgaben entsprechend anzupassen. «Es reicht nicht, einfach zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Man muss Veränderungen im Verhalten wahrnehmen, wissen, was die einzelnen Personen brauchen, und gleichzeitig den wissenschaftlichen Auftrag im Blick behalten. Ohne die Crew gibt es keine Mission – und ohne die Experimente keine Daten», so Poli.
In der Regel besteht die Besatzung analoger Missionen aus vier bis sechs Mitgliedern. Die Rollen: ein Kommandant für die Gesamtleitung, ein Techniker, ein Ingenieur und ein medizinischer Offizier. Laut dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sind bei der Zusammensetzung der Gruppe Interdisziplinarität, Diversität und psychologische Eignung wichtig. «Man braucht nicht zwingend einen technischen Abschluss, um für eine solche Mission geeignet zu sein. Wer praktisch denkt, Dinge reparieren kann und auch unter Druck improvisiert, kann für eine Crew genauso wertvoll sein wie jemand mit einem Ingenieurstudium», erklärt Poli und führt weiter aus: «Man kann die klügste Person im Raum sein – wenn man nicht mit anderen zusammenarbeiten kann, ist man für eine solche Mission nicht die richtige Wahl. Und wenn alle führen wollen, folgt am Ende niemand.» Gesucht wird deshalb immer eine Kombination aus unterschiedlichen Profilen.
Asclepios I war Polis erste Analogmission – und blieb nicht die einzige: Bei der Mars-Simulation Amadee-24 in Armenien war sie 2024 Co-Kommandantin des operativen Bodenteams und koordinierte Abläufe zwischen Feldcrew und Mission Support. Dabei führte sie teils deutlich erfahrenere Personen, die ihre Autorität infrage stellten. «Du kannst mich hassen oder mir sagen, ich soll verschwinden. Aber in diesem Moment bin ich verantwortlich und muss sicherstellen, dass wir es richtig und sicher machen», erzählt sie. Wenige Monate später verantwortete Poli bei Chill-Ice III in Island die Auswahl und Ausbildung der Crew. Diese errichtete und bewohnte ein aufblasbares Habitat in vollständiger Dunkelheit in einer Lavahöhle. Die Mission sollte zeigen, ob unterirdische Lavatunnel künftig als geschützte Lebensräume auf dem Mond dienen könnten.
Derzeit ist Poli mit ihrer Expertise an der Planung der nächsten Mission beteiligt: Mit Biodysseus soll die erste Unterwasser-Forschungsstation unter dem Eis des Arktischen Ozeans entstehen. Sie soll sowohl der Klimaforschung dienen als auch Technologien für künftige kryosphärische Weltraummissionen erproben – also für Missionen, bei denen die gefrorenen Regionen unseres Planeten aus dem All vermessen und überwacht werden. Das Projekt befindet sich derzeit in der Entwicklungs- und Finanzierungsphase.
Eleonore Cassandra Poli wuchs in Lausanne auf und interessierte sich schon früh für Technik. «Als Kind hörte ich ständig von Problemen: ‹Menschen haben nicht genug Trinkwasser, wir brauchen Energie, die Umwelt wird zerstört.› Ich dachte immer: Warum lösen wir das nicht einfach? Also zeichnete ich Maschinen, die Menschen schützen sollten», erzählt sie. Mit etwa 15 Jahren meldete sie sich als Helferin beim Festival de Robotique der EPFL. Dort unterstützte sie Robotik-Workshops für Kinder und Jugendliche. Eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft hatte sie damals jedoch nicht, ihre Interessen waren breit gestreut: von Astrophysik und Umwelttechnik über U-Boote, Flugzeuge bis hin zu Musik und Fotografie.
Mit der Zeit kristallisierte sich ein Interesse für Flugobjekte heraus. Zeitweise dachte sie darüber nach, Militärpilotin zu werden: «Mich interessierte jedoch nur die Maschine, nicht der Kampf.» Mit 17 baute sie im Rahmen ihrer Maturaarbeit ein Flugzeugmodell. Als sie später an einem Hochschulinformationstag nach einem passenden Studium suchte, besuchte sie rund zwanzig Aussteller. Letztendlich entschied sie sich für Materialwissenschaften. «Materialien sind überall: in Flugzeugen, Satelliten, Batterien, Robotern oder medizinischen Geräten. Damit musste ich mich nicht für nur eine Anwendung entscheiden, sondern konnte viele meiner Interessen miteinander verbinden», so Poli.
Poli begann ihr Studium an der EPFL. Doch im letzten Jahr ihres Bachelors erkrankte ihr Patenonkel an einem Hirntumor. Sie fiel zweimal durch eine Prüfung und musste ihren ursprünglichen Studienweg verlassen. Aufgeben wollte sie die Materialwissenschaften aber nicht. Sie wechselte an die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und schloss dort ein Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Materialien und Prozesse ab. Nach dem Bachelor bewarb sie sich für verschiedene Masterprogramme, als ihr Profil vom Zulassungsteam an Professor Prof. T. W. Clyne an der Cambridge-Universität weitergeleitet wurde. Ihr wurde nach einem Masterstudium eine Promotionsstelle in Aussicht gestellt. «Das war völlig surreal», sagt sie. «Hätte ich damals die Prüfungen an der EPFL bestanden, wäre ich wahrscheinlich einfach auf meinem ursprünglichen Weg geblieben und wäre nie in Cambridge gelandet.» Ab 2019 erforschte sie in Cambridge Materialien, die extremen Bedingungen standhalten; etwa grosser Hitze, Korrosion oder starker mechanischer Belastung. In ihrer späteren Doktorarbeit untersuchte sie, wie Schutzbeschichtungen auf besonders widerstandsfähigen Metalllegierungen mit der Zeit beschädigt werden.
Es war eine Zeit, die Poli nicht nur akademisch viel abverlangte – denn ihr Patenonkel starb schliesslich an den Folgen seines Tumors, weitere Familienmitglieder aufgrund von Corona. «Es war einfach eine Situation nach der anderen», erinnert sie sich. «Ich war wirklich müde.» Zugleich liess sie die prägende Zeit anders auf das Leben blicken: «Ich habe gelernt, dass man fallen und wieder aufstehen kann», sagt sie. «Ausser dem Tod gibt es wenig, das sich wirklich nicht mehr verändern lässt.»
Ich habe gelernt, dass man fallen und wieder aufstehen kann. Ausser dem Tod gibt es wenig, das sich wirklich nicht mehr verändern lässt.
Eleonore Poli
Noch während ihrer Zeit in Cambridge stiess Poli auf Facebook auf die Ausschreibung von Asclepios, einer studentisch organisierten Initiative an der EPFL in Lausanne, für deren erste analoge Mondmission. Im Auswahlgespräch wurde sie gefragt, wie sie in gefährlichen Situationen reagieren würde. Poli erzählte von einem Gleitschirmflug am Vierwaldstättersee, bei dem sie mit dem Gleitschirmpiloten notlanden musste: «Als der Pilot mir sagte, dass eine Bremsleine blockiert war, fragte ich, ob ich kurz meine Mutter anrufen könne, um mich zu verabschieden», sagt sie und fügt hinzu: «In wirklich gefährlichen Situationen werde ich ruhig. Ich akzeptiere, was passiert, und überlege, welche Lösung es gibt.» Der Schirm verfing sich schliesslich in einem Telefonmast, letzten Endes fiel sie «nur» einige Meter tief, blieb unverletzt – und lachte. «Es war wohl einfach die Erleichterung», erzählt sie über ihre Reaktion. Schliesslich wurde Poli vom Asklepios-Kommitee für die Genesis-Crew ausgewählt und zur Kommandantin ernannt. Wegen der Coronapandemie musste die Mission jedoch um ein Jahr verschoben werden – und Poli entschloss sich, aufgrund der familiären Situation mit ihrem Doktortitel in der Tasche wieder in die Schweiz zurückzukehren.
Im März 2023 wurde ihr eine Postdoc-Stelle beim Schweizer Forschungs- und Entwicklungszentrum CSEM angeboten. Dort arbeitete sie zunächst an der additiven Fertigung von Metallen. Seit Mitte 2025 nimmt sie dort die Rolle als Business Development Manager für Raum- und Luftfahrt ein. «Ich versuche zu verstehen: Wo stehen wir mit einer Technologie, was ist der nächste Schritt und wie können wir daraus eine konkrete Anwendung machen?», erklärt sie. Ihr Aufgabengebiet reicht von Materialien und 3D-Druck über Energieversorgung und Sensorik bis zu Mikroelektronik und automatisierten Systemen. Poli fungiert damit als Übersetzerin zwischen wissenschaftlicher Entwicklung und wirtschaftlicher Anwendung mit dem Ziel, Technologien in reale Luft- und Raumfahrtprojekte zu überführen. Ein konkretes Projekt, mit dem sie sich bereits während ihrer Postdoc-Zeit befasste: der 3D-gedruckte Shock Absorber für die Mondlandung. Herkömmliche Materialien dämpfen den Aufprall, indem sie sich dauerhaft verformen oder zerstört werden. Sie untersuchte deshalb eine 3D-gedruckte Struktur, die sich bei der Landung verformt und durch Erwärmung weitgehend in ihre ursprüngliche Form zurückkehren kann. Für zukünftige Mondlandungen könnte das bedeuten, dass Teile des Landemechanismus nicht nach jeder Landung ersetzt werden müssen.
Das Projekt steht exemplarisch für einen wichtigen Trend: Nachhaltigkeit wird zu einem zentralen Faktor der Space Economy. Mit der wachsenden Zahl von Satelliten steigt der Bedarf an langlebigen, reparierbaren und wiederverwendbaren Systemen; die ESA will mit ihrem «Zero Debris»-Ansatz die Entstehung neuen Weltraumschrotts bei künftigen Missionen bis 2030 deutlich begrenzen. Zugleich erwartet das Weltwirtschaftsforum, dass Raumfahrttechnologien bis 2035 ähnlich selbstverständlich in den Alltag integriert sein werden wie Halbleiter heute. Und nach dem geplanten Ende der ISS um 2030 sollen kommerzielle Raumstationen Forschung und Produktion im erdnahen Orbit übernehmen. Parallel entstehen Märkte für sogenanntes In-Space Servicing, Assembly and Manufacturing: Satelliten werden im Orbit gewartet, betankt oder zusammengesetzt, während spezielle Materialien und pharmazeutische Produkte unter Schwerelosigkeit gefertigt werden. Die Space Foundation zählt diesen Bereich zu den zentralen Wachstumstreibern einer zunehmend industrialisierten Raumfahrt. Auch die Datenverarbeitung verlagert sich ins All: KI analysiert Aufnahmen bereits an Bord und übermittelt nur noch relevante Ergebnisse, wodurch Warnungen schneller verfügbar sind und weniger Bandbreite benötigt wird. Die nächste räumliche Ausdehnung betrifft den cislunaren Raum zwischen Erde und Mond – Programme wie Artemis schaffen Transport-, Kommunikations- und Versorgungsinfrastruktur für regelmässigere Mondmissionen. Weltraumtourismus bleibt dagegen vorerst ein Nischenmarkt, wie de Weck vom MIT betont: «Weltraumtourismus ist zwar real und medial sichtbar, bleibt aber bislang ein vergleichsweise kleiner Markt. Die Zahl der zahlenden Passagiere liegt weiterhin nur im niedrigen zweistelligen Bereich pro Jahr, und das Wachstum wird durch hohe Kosten, Sicherheitsanforderungen und erhebliche rechtliche Hürden begrenzt – zusätzlich verschärft durch immer dichtere und konfliktträchtigere Betriebsbedingungen im niedrigen Erdorbit (LEO).»
Parallel zu ihrer Arbeit als Analog-Astronautin und bei CSEM will Poli die Analog-Raumfahrt professionalisieren: Über die von ihr 2020 gegründete Community of Human Analogue Space Missions, kurz CHASM, vernetzt sie Organisationen, Forschende und Teilnehmende analoger Missionen und arbeitet daran, Wissen, Standards und Forschungsergebnisse besser zugänglich zu machen. Darüber hinaus betreibt sie eigene Forschung und Entwicklung. Ein Schwerpunkt liegt auf inklusiveren Missionen. «Technik wird oft für einen vermeintlichen Standardkörper entwickelt», sagt sie. «Aber selbst innerhalb einer normierten Gruppe unterscheiden sich Menschen stark.» Zudem können Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur von barrierefreieren Systemen profitieren – aufgrund ihrer Alltagserfahrung im Umgang mit Umgebungen, die nicht für sie gestaltetet sind, können sie wertvolle Anpassungs- und Problemlösungskompetenzen in eine Crew einbringen. «Inklusives Design bedeutet nicht nur, mehr Menschen den Zugang zur Raumfahrt zu ermöglichen. Wenn wir unterschiedliche Körper und Bedürfnisse von Anfang an mitdenken, entwickeln wir Systeme, die für alle funktionaler und sicherer sind», so Poli.
Zusätzlich engagiert sich Poli im Vorstand des Swiss Space Museum in Regensdorf bei Zürich und vermittelt dort Raumfahrtthemen an ein breites Publikum. Dazu kommen Musik und Ausdauersport: Poli spielt Klavier und hat bereits einen Ironman bestritten. Inzwischen besitzt sie zudem eine Privatpilotenlizenz und absolviert die Ausbildung zur Berufspilotin. Anschliessend möchte sie sich zur Fluglehrerin weiterbilden und später bei der Schweizerischen Rettungsflugwacht Rega bewerben. «Rega-Pilotin zu werden wäre für mich unglaublich», sagt Poli. «Dort hat jeder Flug einen konkreten Sinn: Man hilft Menschen und übernimmt Verantwortung.» Dass ihr Lebenslauf aus so vielen Aufgaben und Tätigkeiten besteht, empfindet sie als Bereicherung: «Von aussen wirkt das wahrscheinlich nach sehr viel. Für mich hält es die Dinge lebendig.»
Ihr grösster Traum: eines Tages selbst ins All zu fliegen – jedoch nicht als Touristin. «Wenn ich ins All gehe, möchte ich etwas beitragen, Wissenschaft betreiben und Daten zurückbringen. Ich will Teil von etwas sein, das grösser ist als ich selbst.» •
Fotos: Gianmaria Gava