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Chelsea Jean Lamms Couture-Label ist ein Gegenpol zur Fast-Fashion-Welt: Aus recycelten Büchern macht die deutsche Designerin mit südafrikanischen Wurzeln tragbare Kunst – und das mit einer nachhaltigen Produktion.
Schillernde Schmetterlingsflügel prangen auf der Brust des Models, an ihren Beinen winden sich goldene Schlangen nach oben – das sind nur zwei der zahlreichen Details, die das Haute-Couture-Design von Chelsea Jean Lamm beinhaltet. Eines dieser Werke war es auch, das im Jahr 2022 Vogue Brazil anklopfen liess – und das beim erst zweiten Instagram-Post.
Der gesamte Designprozess ist nachhaltig. Lamm und ihre ältere Schwester Ashley Lamm, die zeitgenössische Künstlerin ist, erarbeiten für die Designs gemeinsam Collagen. Dafür besuchen die beiden oft Bücher-Flohmärkte. Was andere weggegeben haben, ist für die Schwestern der erste wichtige Bestandteil in einem aufwendigen Prozess: Sie schneiden ausgewählte Fotos händisch aus illustrierten Büchern aus und machen sie zu Collagen. Diese werden schliesslich samt mehreren Tausend Perlen und handgemalten Stücken auf Textil übertragen. Ein Kleid kann so rund 6.000 Stunden Arbeit bedeuten – Preise gibt es nur auf Anfrage. Zu sehen sind die Designs aber natürlich schon, und zwar nicht nur auf Instagram, sondern unter anderem in Cannes, wo Schauspielerin Palina Rojinski sie trug, oder in New York am Model Coco Rocha.
Das Modelabel hat keine traditionelle Entstehungsgeschichte, obwohl Chelsea Jean Lamm zuerst ganz klassisch Modedesign studierte; in München. Ihre Abschlusskollektion war vom Tod ihrer südafrikanischen Grossmutter während der Pandemie geprägt: Mit dem letzten Flieger raus aus Deutschland reiste sie nach Südafrika. Für Lamm und ihre Schwester war klar: „Wir wollen unsere Grossmutter so ehren, wie wir sie in Erinnerung haben: sehr bunt, sehr laut, sehr farbenfroh.“
Die siebenteilige Kollektion „tragbarer Kunst“ sollte ein Ausbrechen aus dieser „grauen Zeit“ schaffen. „Ich war überzeugt von dem, was ich machte, aber ich wusste nicht, wie die Welt darauf reagieren würde“, erzählt Lamm heute. Die Resonanz war von Beginn an positiv: Als Lamm die Designs auf Instagram postete, machte Vogue Brazil nur den Anfang; kurz darauf rissen sich Stars, Sammler und Museen um die junge Designerin. Der nächste Schritt lag auf der Hand: 2022 gründete Chelsea Jean Lamm das gleichnamige Label.
Anfangs lehnte sie aber Anfragen von Prominenten zu „90 % ab“. Lamm ist wichtig, dass ihre Designs von Menschen getragen werden, „deren Werte im Einklang mit den Werten des Labels stehen“. Bei allen Stücken steht Nachhaltigkeit im Vordergrund – „wir fokussieren uns auf ethische Verantwortung“, so Lamm. Das heisst: Man verfolgt genau nach, wo und wie die verschiedenen Teile eines Werks hergestellt werden. Mit Ausnahme des Stoffdrucks in London wird alles inhouse in München produziert – dazu zählen Design, Schnittkonstruktion und das Nähen selbst.
Kunst ist nichts Glamouröses oder Oberflächliches. Man trägt sie direkt auf der Haut.
Chelsea Jean Lamm
Die aufwendige Handarbeit will Lamm auch nach aussen transportieren – als direkten Gegenpol zur Fast-Fashion-Industrie: „Wir leben in einem Zeitalter, in dem Konsum sehr schnell und sehr oft passiert; ohne dass man das aktiv realisiert.“ Dass Handwerk aber eben nicht auf Knopfdruck geschieht, macht Lamm auf Instagram deutlich – dort nimmt sie ihre rund 15.000 Abonnenten etwa mit ins Atelier, um zu zeigen, wie sie sorgsam nach Bildern für Designs sucht.
Inspiration für neue Werke schöpft Lamm auch aus Fantasy-Büchern, etwa „Alice im Wunderland“ oder „Narnia“. Haben sie als Kind noch die geheimen Welten fasziniert, sind es nun die Schriftsteller dahinter: „Es geht darum, was die Autoren für die Leserinnen und Leser kreiert haben – das Storytelling. Bei einer Marke geht es auch darum, eine Art Welt zu bauen, in die Menschen eintauchen können.“
Es ist eine Welt, die nicht nur von den beiden Schwestern geschaffen wird, hebt Lamm immer wieder hervor: „Oft wird im Modebereich der Designer oder die Designerin einer Marke als deren Ikone suggeriert – als ob man alles allein schaffen würde. Ich finde das sehr problematisch, denn hinter jedem Produkt steht ein gesamtes Team.“ Im Fall von Lamms Label sind es sogar zwei Teams: ein fixes in München mit fünf Leuten und eines in Südafrika, für das verschiedene Personen je nach Kampagne tätig sind. Dass Lamm auf beiden Kontinenten agiert, ist kein Zufall: „Dort liegen schliesslich unsere Wurzeln“, erzählt sie.
Für Lamms nächstes Projekt braucht es definitiv beide Teams: Im nächsten Jahr will sie ihre dritte Kollektion herausbringen. Sie soll fast siebenmal so gross sein wie ihr Abschlussprojekt. Zwischen 40 und 50 Designs sind enthalten, mehr als die Hälfte davon sind bereits fertiggestellt. Erstmals soll ihre Couture auch auf einem Runway oder bei einer anderen passenden Inszenierung glänzen. Trotz allem betont Lamm ihr Credo: „Kunst ist nichts Glamouröses oder Oberflächliches. Man trägt sie direkt auf der Haut.“
Foto: Nina Zimolong