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Nach 41 Jahren Wall Street soll Peter Tuchman an seinem Wirkungsort, der New York Stock Exchange, verewigt werden. Im Laufe seiner Karriere hat er Boomphasen und Finanzkrisen erlebt – aber auch, wie an der Börse Notizbücher durch Computer ersetzt wurden. Doch der «Einstein» der Finanzwelt denkt noch lange nicht ans Aufhören; ganz im Gegenteil.
Peter Tuchman reckt die Daumen: «Bereit?» Ohne eine Antwort abzuwarten, eilt er voran. «Am besten gehen wir nach oben», fügt er im Gehen hinzu. Tuchman durchquert schnellen Schritts den weitläufigen Handelssaal der New York Stock Exchange. Die vielen Menschentrauben, die an diesem Morgen die Eröffnungsglocke angeschaut haben, teilen sich, als er durch sie hindurchläuft. Tuchman bahnt sich seinen Weg durch einen Seiteneingang, läuft dahinter an den Aufzügen vorbei und stösst die Tür zum Treppenhaus auf. Locker joggt er die zwei Treppenabsätze hinauf, öffnet eine weitere Feuerschutztür und läuft die sich dahinter befindende Galerie entlang, die den Handelssaal auf beiden Seiten säumt. Tuchmans weisse Haare, die an beiden Seiten seines Kopfs abstehen, wippen mit seinen raschen Bewegungen. Am Ende der Galerie bleibt Tuchman stehen, lehnt sich an das Geländer und beginnt, begeistert und gross gestikulierend, zu erzählen.
Tuchman erzählt von vergangenen Zeiten, von seinen Plänen für die Zukunft, seiner grossen Freude an seinem Beruf und an der Institution, in der er seit 41 Jahren zu Hause ist. Beiläufig streut er ein, wie er gerne sterben würde, warum er in einer Überdruckkammer, einer Hyperbaric Chamber, schläft und wie er trotz seiner Tech-Schwierigkeiten mit fast 70 Jahren zum Social-Media-Star wurde. Es ist der Lebenslauf eines echten Menschenfreundes mit vielen Widersprüchen und Extremen.
Bis vor etwa 25 Jahren war diese Galerie noch für Besucher vorgesehen, die von dort aus das wilde Treiben unten auf dem Handelsparkett beobachten konnten; als noch lautstark und mit Stift und Papier gehandelt wurde und täglich mehrere Tausend Menschen auf «dem Floor» waren. Peter Tuchman kann sich gut daran erinnern – er hat 1985 angefangen, an der NYSE zu arbeiten, zunächst als Teletypist, wenige Jahre später als Aktienhändler.
Tuchman hat die Wall Street durch die Dekaden begleitet und dabei massive Veränderungen miterlebt. Im Vergleich zu seinen Anfängen ist die Börse heute kaum wiederzuerkennen: Die Zahl der Anwesenden zur Eröffnungsglocke an einem normalen Morgen erreicht meist kaum den dreistelligen Bereich. Reguläre Besucher sind seit dem 11. September nicht mehr zugelassen. Gehandelt wird nicht durch lautes Schreien und Zettelwirtschaft, sondern an Computerterminals mit vielen Bildschirmen, mit iPads und am Telefon. Doch eines ist geblieben: Die New York Stock Exchange ist vor allem ein Begegnungsort.
Wenn du mir vor drei Wochen gesagt hättest, dass der S&P bald wieder bei über 7.000 Punkten steht, dann hätte ich gesagt: «Du bist verrückt!»
Peter Tuchman
«Die Begegnungen haben mich von Anfang an an der Börse gereizt», sagt Tuchman. Er beschreibt die Energie im Raum; wie es war, damals in diese Menschenmasse reinzulaufen: «Alles war eine grosse Verhandlung. Die Börse war ein Pokertisch.» Die Casino-Zeiten der NYSE kennen die meisten hier nur aus dem Kino – kein anderer Trader blickt auf eine so lange Karriere zurück wie Tuchman.
In mehr als vier Dekaden hat er hier alles erlebt. Jeder Crash, jeder Rekord, jede Katastrophe und jeder Freudentaumel: Tuchman war da. Damals wie heute. Doch auch nach vielen Krisen merkt er an: Der aktuelle Moment unterscheide sich von der Vergangenheit. «Ich sage immer: ‹Diesen Film hab ich schon gesehen!› So ziemlich alles, was man der Wall Street vor die Füsse werfen kann, ist in einer Weise schon mal da gewesen.» Doch dieses Mal ist eines anders: «Wir hatten schon globale Krisen. Wir hatten schon mal Ölpreise, die auf über 119 Dollar steigen. Wir hatten schon mal Handelszölle.» Doch nun passiere alles gleichzeitig. Das könnte einen Unterschied für die Zukunft machen: «Vor einem Jahr konnten wir die Zeit nach dem 20-prozentigen Ausverkauf im Frühjahr einfach zurückdrehen. Ich denke nicht, dass wir das dieses Mal wieder können.»
Doch auch Tuchman lässt sich noch von den Märkten überraschen. Mit dem wechselhaften Verlauf des Irankriegs erlebt die Wall Street volatile Zeiten. Jede neue Wortmeldung des US-Präsidenten führt zu teils heftigen Kursausschlägen, und wenig später kann die Lage schon wieder ganz anders aussehen. Trotz wiederkehrender Hoffnungssignale bleibt die für den Ölhandel wichtige Strasse von Hormus über einen langen Zeitraum geschlossen, eigentlich eine Katastrophe für die globalen Finanzmärkte. Doch die wichtigsten US-Indizes klettern indes auf neue Rekordstände. «Wenn du mir vor drei Wochen gesagt hättest, der S&P steht bald wieder bei über 7.000 Punkten, dann hätte ich gesagt, du bist verrückt. Und ich glaube, eigentlich habe ich einen ganz guten Plan, was mit dem Markt los ist.» Tuchman erzählt all das – auch von seiner irrenden Analyse – mit überbordender Begeisterung. Egal ob die Dinge gut oder schlecht stehen, seine Begeisterung ist ungebrochen.
Und all das ist nur der Anfang für mich. Ich fühle mich wie ein Teenager!
Peter Tuchman
Neben seinem Job als Aktienhändler hat er sich zudem seine eigene Markenidentität aufgebaut: Er ist der wohl am meisten fotografierte Aktienhändler der New Yorker Börse, bekannt als der «Einstein der Wall Street». Mit seinem runden Gesicht und den weissen Haaren sieht er dem alten Physiker erstaunlich ähnlich. Regelmässig ziert Tuchman die Titelseiten der grossen US-Wirtschaftsmedien, regelmässig bildet die Wall-Street-Presse mit seinem Gesichtsausdruck die allgemeine Marktlage ab; mal mit weit aufgerissenen Augen, mal mit freudig ausgestreckten Armen. Auf dem Ärmel seines Sweatshirts ist ein kleines Logo seiner selbst aufgestickt – seine eigene Merch-Kollektion. Hinzu kommt eine Social-Media-Präsenz mit mehreren Millionen Followern auf Instagram, Tiktok und Youtube.
Tuchmans Follower hoffen, von ihm eine Menge lernen zu können. Und er ist nur allzu bereit, sein Wissen weiterzugeben. «Jetzt gerade befinden wir uns in einer Zeit massiven Vermögenstransfers», sagt er. Damit meint er die «Demokratisierung des Tradings» – jeder, der ein Smartphone und 100 US-$ (80 CHF) in der Tasche habe, könne an diesem Markt teilnehmen. «So was war früher unvorstellbar!», sagt Tuchman.
Das würde den Fokus der Investmentbranche weglenken von institutionellen Anlegern und hin zu den sogenannten Retail-Investoren, die mit bedeutend kleineren Budgets arbeiten. Diese Menschen spricht Tuchman an, in seinen Online-Seminaren, auf seinen Social-Media-Kanälen und in Podcasts und TV-Shows. Dort hat er meist klare Ratschläge auf Lager. Zum Beispiel: «Buy stocks, not stuff.» «Wir sind eine grosse Konsum-Generation», sagt er. «Ich hoffe, dass die Menschen schon mit 18 realisieren, dass sie mit einem Investment in den S&P 500 ein Portfolio kreieren können, das sie weiter absichern kann.» Dies sei aber keine Investment-Empfehlung, fügt er hinzu.
Tuchman ist US-weit bekannt, in der Finanzwelt gar berühmt. «Selbst 14-Jährige erkennen mich», sagt er. Das liegt nicht nur an seinem historischen Doppelgänger, sondern auch an Tuchmans unübersehbarem Talent: dem Reden. «Was mir Freude macht, ist, dass ich die Fähigkeit habe, mit jedem zu reden. Meine Zielgruppe reicht von acht Jahren bis 80 Jahre», sagt er. Der Erfolg gibt ihm recht: Die NYSE bereitet aktuell eine 1,5 Meter hohe Statue von Tuchman vor, die ab Sommer die Lobby des historischen Gebäudes zieren soll – Einstein für die Ewigkeit. Das wirkt, als denke man an der Exchange bereits an eine Zeit nach dem leibhaftigen Tuchman. Doch der denkt noch lange nicht ans Aufhören.
Die Zukunft für ihn ist «bright», sagt er strahlend. Genau genommen sei er auch erst 57, sagt er, rein medizinisch gesehen. Tuchman ist tief investiert in die Welt der Longevity, also der Langlebigkeit: Bei sich zu Hause habe er zum Beispiel eine Überdruckkammer, in der er schläft. Durch sein Regiment hat er es im vergangenen Jahr geschafft, elf Jahre seines Lebens aufzuholen. Und mit der gewonnenen Zeit hat er Grosses vor.
Mit der Explosion seines Instagram-Kanals im vergangenen Herbst – damals gewann er fast eine Million neue Follower hinzu – haben sich viele neue Deals ergeben, erklärt er hocherfreut. Dazu gehören zum Beispiel ein Buch-Deal und Partnerschaften mit der amerikanischen Trading-Plattform Robinhood und vielen weiteren Unternehmen. Er habe Speaker-Anfragen auf der ganzen Welt in der Pipeline. «Und all das ist nur der Anfang für mich. Ich fühle mich wie ein Teenager!»
Während Tuchman erzählt, klingelt sein Handy unaufhörlich. Ihn erreichen Dutzende Nachrichten innerhalb weniger Minuten. Manchmal schaut er drauf, diktiert eine knappe Antwort und erzählt weiter. Sich selbst beschreibt er nicht als tech-affin. Das habe die grossen Veränderungen, die der Aktienhandel in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht hat, für ihn sehr schwierig gemacht. Beinahe habe er deswegen seinen Job verloren: Als die Stock Exchange vom Papierhandel auf elektronisches Trading umstellte – ein Wechsel, der fast ein Jahrzehnt lang dauerte –, war er der Allerletzte, der schliesslich das iPad in die Hand nahm; und das auch erst nach der Drohung mit Rausschmiss, falls er die Papier-Ära nicht hinter sich lassen würde. Seitdem hat sich Tuchman der Technologie spürbar zugewandt.
«Ich kehre um, ich freestyle und passe mich an», erklärt er sein Mantra. Das scheint zu helfen – den ganzen Tag lang eilt er von einem Termin zum nächsten; trifft unterwegs Leute, begrüsst Fans an den Zäunen des Wall-Street-Gebäudes. Nach einem kurzen Talk an einer Universität kehrt er an seinen Platz am Trading-Floor zurück. Nach der Schlussglocke sieht man ihn oft mit seinem Handy über den Floor laufen. Für seine Follower fasst er dann den Handelstag und die Lage an der Börse zusammen. Zu Ende ist sein Tag damit aber noch lange nicht: Wenn die Börse schliesst, wendet er sich meist seinen Teaching-Formaten zu, oder einem seiner vielen anderen Pläne.
In keinem von ihnen kommt ein Ruhestand vor: «Ich habe einfach viel zu viel Spass.» Tuchman blickt von der Galerie auf den Trading-Floor hinab und deutet mit dem Finger zum hellbraunen Parkettboden. «Es gab mal einen Typen, Jules Marcus, in den 80ern. Der ist direkt hier auf dem Trading-Floor gestorben. Der Handel konnte deswegen aber nicht aufhören. Die Leute sind über ihn drübergestiegen, bis der Leichenbeschauer kam.» Dann klatscht er begeistert in die Hände und setzt lachend hinzu: «So würde ich mir das auch wünschen!»
Fotos: Sashabphoto