DIE RACHE DER WINKLEVII

Nachdem Cameron und Tyler Winklevoss ihren Kampf um Facebook gegen Mark Zuckerberg verloren hatten, wurden sie im Silicon Valley als Investoren gemieden. Doch nun sind die Zwillinge zurück: Die Krypto-Milliardäre prägen nicht nur die Zukunft des Geldes, sondern auch die der Kreativwirtschaft – und haben womöglich ein neues Modell für Big Tech gefunden.

Die Büros im 17. Stock des New Yorker Büro­gebäudes sind leer. Die einzigen Anwesenden sind die Winklevoss-Zwillinge Cameron und Tyler. Auf ihren Pullovern prangt das Nasa-Logo – es soll die Idee hinter ihrer eigenen Marke reprä­sentieren, denn mit ihrem Unternehmensnamen Gemini haben die Zwillinge ebenfalls ein Weltraumsymbol gewählt. Der Name steht nicht nur für das Sternzeichen der beiden, er erinnert auch an die zweite Weltraummission der Nasa. „Wir nennen unsere Mitarbeiter tatsächlich Astronauten“, erzählt Cameron. Ihr „Raumschiff“ nimmt aktuell gerade so richtig Geschwindigkeit auf: Der Bitcoin-Preis betrug zuletzt 57.000 US-$, was das Vermögen der beiden Brüder auf jeweils rund drei Milliarden US-$ wachsen liess. Als die beiden 2012 begannen, zehn Millionen US-$ in die digitale Währung zu investieren, lag der Preis pro Bitcoin noch bei acht US-$. Auch auf der Investmentseite gibt es Positives zu berichten: Das jüngste Investment der Zwillinge, Block-Fi, hat gerade eine Finanzierungsrunde zu einer Bewertung von drei Milliarden US-$ bekannt gegeben.

Das vielversprechendste Projekt der ­Winklevoss-Zwillinge ist jedoch die digitale Kunst­auktionsplattform Nifty Gateway. Die Plattform verkauft digitale Kunst in Form von Non-Fungible Tokens (NFT) bei traditionellen Auktionshäusern wie Christie’s und Sotheby’s. So hat Nifty Gateway den Künstler Mike ­Winkelmann alias „Beeple“ im letzten Jahr durch eine Reihe von „Drops“ (limitierte Veröffentlichungen, Anm.) bekannt gemacht. Im März verkaufte Beeple dann ein NFT für satte 69 Millionen US-$. Sein Kunstwerk „Everydays: The First 5,000 Days“ wird damit zum drittteuersten Werk eines lebenden Künstlers – nach Jeff Koons und David Hockney. Die meisten Menschen kennen die­ ­Winklevoss-Zwillinge aus dem Spielfilm „The Social Network“, der 2010 die Anfänge von Facebook und Mark Zuckerberg erzählte. ­Zuckerberg war an der Harvard University Klassenkamerad der „Winklevii“. Er hatte den beiden die Idee für ein soziales Netzwerk weg­geschnappt und damit ein Imperium mit heute 2,8 Milliarden Nutzern weltweit aufgebaut. Zuckerbergs Vermögen? 97 Milliarden US-$. Die Zwillinge einigten sich 2009 mit ihm auf einen Vergleich über 65 Millionen US-$ in Aktien und Cash – heute sind sie Anführer einer neuen tech­nologischen Revolution, die Vermögenswerte digitalisieren, Kontrolle dezentralisieren und Plattformen wie Facebook ein Ende bereiten könnte.

2019 hatten alle das gleiche Problem: NFTs zu kaufen war zu kompliziert. Also gründeten wir Nifty Gateway.

Finanzunternehmen wie Paypal, Square, JP Morgan, Fidelity und Northern Trust befassen sich mit der Bitcoin zugrunde liegenden Blockchain-Technologie – und kämpfen um ihre Position in einer Zukunft, die von digitalen Vermögenswerten dominiert werden könnte. Gleichzeitig nutzen grosse Unternehmen wie Boeing, Samsung, Tesla und Novartis die Tech­nologie, um ihre Lieferketten zu verbessern, Kundendaten zu teilen und Geschäftsprozesse zu optimieren. Und so glauben auch die Winklevoss-Brüder, erst am Anfang ihrer Reise zu stehen. Über seine Holding Gemini Space Station, die eine eigene Krypto-Börse sowie Nifty Gateway besitzt, und über Investitionen des Family Office ­Winkle­voss Capital hat das Duo in 25 Start-ups für digitale Assets investiert.

Die Jungunternehmen sollen den Grundstein für eine neue virtuelle Welt legen, das sogenannte „Metaverse“. Digitale Vermögens­werte wie Kunst, Musik, Immobilien und sogar ganze Unternehmen werden dann über die Blockchain erstellt, ge- und verkauft sowie verwaltet. Regiert werden soll das „Metaverse“ über Peer-to-Peer-Computernetzwerke, bei denen die Teilnehmer profitieren, nicht mächtige Unternehmen. „Die Idee eines zentralisierten sozialen Netzwerks wird es in fünf oder zehn Jahren nicht mehr geben“, sagt Tyler, auf Facebook angesprochen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass zwei in Connecticut aufgewachsene und in Harvard ausgebildete ehemalige Ruderer sich im Zentrum einer Anti-Establishment-Bewegung wieder­finden.

Nachdem sie ihren Streit mit Facebook bei­gelegt und an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teilgenommen hatten, gingen die ­Winklevoss-Brüder 2010 nach Oxford, um ihren MBA zu machen. Anschliessend gründeten sie Winklevoss Capital und hofften, sich neben den bekannten VC-Fonds einreihen zu können. Bald mussten sie jedoch feststellen, dass sie im Silicon Valley ge­mieden wurden: Ein Start-up nach dem anderen weigerte sich, ihr Geld anzunehmen – aus Angst vor Repressalien von Facebook.

Zu Bitcoin kamen die beiden während eines Urlaubs in Ibiza im Sommer 2012. Sie begannen, ihr Facebook-Geld in Bitcoin zu investieren. Im Mai 2013 investierten sie dann 1,5 Millionen US-$ in Bit Instant. Das Unternehmen war eine der ersten Plattformen, auf denen man gegen eine Gebühr Dollar in Bitcoin tauschen konnte. Das Start-up wuchs – leider waren unter den Trans­aktionen auch Geldwäschegeschäfte von Drogenhändlern. Der CEO der Tauschbörse, Charlie Shrem, wurde verhaftet und verbrachte ein Jahr im Gefängnis. Nach einem erneuten Rückschlag beschlossen die Zwillinge, selbst Hand anzu­legen – und wollten Ordnung in die chaotische Branche bringen. 2014 gründeten sie ihre eigene Kryptowährungsbörse Gemini. Obwohl das Handelsvolumen von Gemini (29 ­Milliarden US-$ in den letzten zwölf Monaten) weit niedriger als jenes von Giganten wie Binance und Coinbase ist, kann das Unternehmen aufgrund der sogenannten Trust Scores dennoch mithalten. Während Facebooks frühes Unternehmensmantra „Move fast and break things“ war, lautet das Motto der Winklevii „Ask permission first, not forgiveness later“. Ein Poster an der Wand ihres Büros aus ihrer jüngsten Marketingkampagne zeigt die Gründerväter der Vereinigten Staaten mit den Worten „The Revolution Needs Rules“.

„Im Grunde klopft die gesamte Kunstwelt an unsere Tür“, sagen Tyler (2.v.r.) und Cameron Winklevoss (ganz links) über die Zusammenarbeit mit den Nifty-Gateway-Gründern Duncan (2. v. li.) und Griffin Cock Foster (ganz rechts).

Doch kein Start-up der Zwillinge erhält mehr Aufmerksamkeit als ihr NFT-Marktplatz Nifty Gateway. Das Unternehmen wurde im November 2018 von Duncan und Griffin Cock Foster gegründet. Die beiden 26-Jährigen weisen neben ihrem Interesse an der Kryptowelt weitere Parallelen zu den Winklevii auf: Nicht nur sind sie ebenfalls eineiige Zwillinge, die Cock-Foster-Brüder sind auch Ruderer. Duncan kam über das Onlinespiel Cryptokitties, bei dem Nutzer animierte Katzen erstellen, sammeln und tauschen, zu seiner Idee. „Alle hatten das gleiche Problem“, so Duncan 2019. „NFTs zu kaufen war zu kompliziert.“

Einen Monat später kaufte Gemini das sieben Monate alte Start-up. Die Cock Fosters zogen in ein Airbnb in Brooklyn und arbeiteten mit den Softwareingenieuren von Gemini, um die exklusivste digitale Kunstplattform der Welt aufzubauen. Nifty Gateway kuratiert seine Künstler selektiv und verkauft ihre Werke in „Drops“ nach dem Vorbild von Modemarken wie Nike und Supreme. In der Zwischenzeit ist der NFT-Kunstmarkt explodiert: Im Februar 2021 gingen 75 der insgesamt 91 Millionen US-$ an verkaufter NFT-Kunst auf das Konto von Nifty Gateway. Bis Ende März hatte die Plattform 132 der 188 Millionen US-$ an Kunstwerken verkauft. Nifty Gateway verrechnet Künstlern eine Gebühr von 15 %. Tyler: „Im Grunde klopft die gesamte Kunstwelt an unsere Tür.“

Letztendlich sehen die Zwillinge ihre ­beiden Marktplätze Gemini und Nifty Gateway in ein einziges Dashboard integriert, in dem NFTs als Sicherheiten für Kredite verwendet werden können, sodass die Besitzer ihre digitalen Ver­mögenswerte zur Finanzierung nutzen, ohne sie verkaufen zu müssen. Tyler und Cameron stellen sich eine Zukunft vor, in der die Due-Diligence-Prüfung, die sie heute durchführen, um die Identität eines Nutzers zu verifizieren, als NFT ausgestellt werden könnte. So könnten Nutzer beweisen, dass sie strenge Anforderungen erfüllt haben – eine Art Facebook mit unfälschbarer Identitätsbestätigung. Ein weiterer wichtiger Investitionsbereich für die Winklevii sind blockchainbasierte Anwendungen, die die Dezentralisierung unterstützen. Die Idee: Tech-Unternehmen wie Google, Facebook und Microsoft wären obsolet, wenn Webdienste und Anwendungen von Nutzern erstellt, betrieben und verwaltet werden könnten. Zu den Projekten gehört Filecoin oder das Start-up Oasis Labs.

Natürlich besteht die Krux der Bemühungen, ein dezentralisiertes Metaverse aufzubauen, darin, sich selbst überflüssig zu machen. Tyler und Cameron Winklevoss scheinen sich darüber aktuell aber keine Sorgen zu machen: „Dezentra­lisierung ist ein Spektrum“, sagt Cameron ­Winklevoss und blickt aus seinem Fenster auf das New Yorker Chrysler Building. „Unser Ziel war es nie, die Gatekeeper zu sein.“

Text: Michael Del Castillo
Fotos: Michael Prince / Forbes US

Dieser Artikel erschien in unserer Ausgabe 4–21 zum Thema „Geld“.

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