Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Als Intendant des Opernhauses Zürich lenkt Matthias Schulz eine der weltweit profiliertesten Kulturinstitutionen.
Für Matthias Schulz, einen gelernten Pianisten und Volkswirt, ist die Oper ein hochkomplexer, lebendiger Organismus, dessen gesellschaftliche Relevanz gerade in Zeiten digitaler Reizüberflutung und Polarisierung unschätzbar bleibt. Kunst habe nicht die Aufgabe, einfache Antworten zu liefern; vielmehr gehe es darum, «Räume zu schaffen, in denen wir Ambivalenz aushalten können». Die Oper fordere das Publikum explizit auf, «nicht nur zu urteilen, sondern zu verstehen».
Diese Haltung spiegelt sich im Spielplan für die Saison 2026/27 wider, die unter den Leitmotiven «Magie, Abgründe und das Ungesehene» steht. Hier zeigt Schulz Mut zu Wagnissen: In der Neuproduktion von «Elektra» kommen visuelle Effekte von KI-Pionieren wie Boris Eldagsen zum Einsatz, während die renommierte Performancekünstlerin Vanessa Beecroft und die Videokünstlerin Mika Rottenberg klassische Stoffe visuell neu deuten. Angst vor einer Überintellektualisierung oder vor Opulenz hat Schulz keineswegs: «Oper ist schliesslich von allem ‹zu viel› – das macht sie einzigartig.» Er plädiert dafür, die emotionale und visuelle Kraft voll auszuspielen.
Wenn es um das eigentliche Wesen des Musiktheaters geht, vertritt der Intendant eine klare Haltung: «Die Oper ist und bleibt eine zutiefst analoge Kunstform. Menschen sitzen gemeinsam in einem Raum und erleben etwas, das nur in diesem Moment entsteht. Diese Unmittelbarkeit ist ihr grösster Schatz. Technologische Innovation kann diese Erfahrung erweitern, aber nicht ersetzen.»
Trotz Fokus auf die Kunst ist die wirtschaftliche Dimension für Schulz in der Führung eines Hauses mit Hunderten Mitarbeitern und Millionenbudgets unverzichtbar. Vehement wehrt er sich jedoch dagegen, Kultur als reinen Bittsteller zu betrachten: Er spricht lieber von «Kultur-Investitionen» als von Subventionen. Kultur generiere handfeste Multiplikatoreffekte für Tourismus, Gastronomie und den Standort als Ganzes. Die rote Linie verläuft für ihn dort, «wo Entscheidungen nicht mehr aus einer künstlerischen Überzeugung heraus getroffen werden, sondern ausschliesslich aus Marktlogik».
Auch in aufgeheizten politischen Debatten über das Engagement umstrittener Künstler fordert er Differenzierung: Kulturinstitutionen müssten Verantwortung übernehmen, «dürfen aber nicht vorschnell zu Orten moralischer Vereinfachung werden.
Kunst lebt von Komplexität und Widersprüchen.» Seinen Rat an die junge Generation formuliert er ganzheitlich: Spitzenleistung am Instrument sei die Basis, doch die Musiker von morgen müssten interdisziplinär denken, Persönlichkeit zeigen und bereit sein, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. •
Foto: Opernhaus Zürich