Die Erste am Pult

Als neunjährige Geigenschülerin bekam Marin Alsop zu ­hören, Dirigieren sei nichts für Mädchen. Heute, mit 69, hat sie viele Premieren hinter sich: Als erste Frau leitete sie ein grosses US-amerikanisches Orchester, die Londoner Last Night of the Proms und bis Sommer vergangenen Jahres das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien. Ein Gespräch über eine Karriere gegen alle Wahrscheinlichkeiten – und darüber, was sich für die nächste Generation ändern muss.

Die Stimmung ist angespannt. Als Marin Alsop das Podium betritt, ein herzliches Lächeln im Gesicht, hält das Publikum für einen Moment kollektiv den Atem an. Gross ist die Runde nicht; die Uhren in den Gängen des Wiener Konzerthauses zeigen elf Uhr, unter den ­wenigen Zusehern sind Förderer und Angehörige der Musiker. Sie sind zur Generalprobe des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien gekommen, bevor der Grosse Saal am Abend randvoll sein wird. Doch als Alsop an diesem Vormittag den Taktstock hebt, spielt es keine Rolle, um welche Probe es sich handelt: Die Musiker verfolgen ihre Bewegungen mit voller Aufmerksamkeit und setzen das Gesehene unmittelbar auf ihren Instrumenten um. Leise Töne bauen sich Takt für Takt zu lauten Klängen auf, Streicher und Blechbläser füllen den Saal. Alsop ist in ihrem Element.

Doch die Dirigentin gehört noch immer zu den Ausnahmen. Die Stiftung «Donne, Women in Music» hat in der Saison 2023/24 Daten zu 111 Orchestern in 30 Ländern erhoben. Das Ergebnis: Nur rund 10 % der Chef­dirigenten- und Musikdirektorenposten der untersuchten Orchester waren mit Frauen besetzt.

Damit ist einer der renommiertesten Posten der Musikbranche noch deutlich unausgewogener besetzt als etwa die Vorstände der DAX-, MDAX- und SDAX-Unternehmen (rund 19 %), ihre Aufsichtsräte (37 %) oder nationale Parlamente weltweit (28 %). Blickt man auf die Schweiz, sind die musikalischen Spitzenposten auch hier fast durchgehend männlich besetzt. Doch es gibt nennenswerte Ausreisser, etwa Alevtina Ioffe, die seit der Saison 2025/26 als Chefdirigentin der Oper Bern fungiert.

Die Welt der klassischen Musik gilt als konservativ. Als die neunjährige Alsop in den 1960er-Jahren ihrer Geigenlehrerin erzählte, sie wolle eines Tages selbst ein Orchester leiten, sagte diese, Mädchen seien für den Job nicht geeignet. Am nächsten Morgen fand Alsop auf dem Frühstückstisch eine Kiste mit Taktstöcken vor – ihr Vater hatte sie für seine Tochter gekauft. Ein Taktstock darunter gefiel ihr besonders gut, doch wer ihn produziert hatte, liess sich nie klären. «Also hat mein Vater ihn nachgebaut», sagt Alsop. «Er hat dann jahrelang meine Taktstöcke für mich angefertigt.»

Die New York Times bezeichnete Alsop als «ausser­ordentliche Musikerin» und «Dirigentin mit einer Vision». Am Zenit ihrer Karriere angekommen, ist sie heute unter anderem Principal Guest Conductor des Philadelphia Orchestra und des Londoner Philharmonia Orchestra sowie Artistic Director & Chief Conductor des polnischen Radio-Symphonieorchesters.

Als Carnegie Hall Perspectives Artist 2025/26 gestaltet sie mehrere Konzertreihen in New York. Im Sommer 2026 dirigierte sie bei den BBC Proms in London sowie bei der Einweihung des Jesus-Christus-Turms der Sagrada Família in Barcelona; und in der kommenden Saison werden Auftritte mit führenden Orchestern in Europa, Südamerika und Asien folgen – darunter eine Asien-Tournee mit dem Philadelphia Orchestra.

Als wir nach der Probe mit Alsop sprechen, ist sie müde – auf der Bühne war das nicht zu bemerken; die Dirigentin scherzte mit Musikern und dem Publikum. Doch der Probentag war intensiv, und in wenigen Stunden wird sie das Konzert leiten, für das sie angereist ist. Alsop lebt in Baltimore im US-Staat Maryland, besitzt aber auch eine Wohnung in Wien – und ist, wie sie im Gespräch mit Forbes verrät, «definitely» oft vor Ort. Seit eineinhalb Jahren hat sie einen österreichischen Pass; verdient hat sie ihn sich durch ihre künstlerischen Leistungen im «besonderen Interesse der Republik».

Alsop hat es nach ganz oben geschafft – aber sie glaubt nicht daran, dass Fortschritt von allein geschieht. «Es war den Orchestern die letzten 50 Jahre stets ­möglich, grossartige Dirigentinnen zu buchen», sagt sie. «Aber sie haben es nicht getan.»

Erst der soziale Druck der Me-Too-Bewegung habe neue Möglichkeiten geschaffen; mancherorts beobachtet Alsop durch politische Gegenbewegungen heute aber sogar Rückschritte. 2002 gründete sie das Taki-­Alsop-Dirigierstipendium, benannt nach ihrem nicht musikalischen Mentor, dem japanischen Textilunternehmer Tomio Taki. Das zweijährige Programm unterstützt Nachwuchsdirigentinnen; pro Durchgang gehen 150 bis 200 Bewerbungen ein, sagt Alsop.

Ich glaube, die Erste zu sein ist sowohl eine grosse Ehre als auch eine gewisse ­Belastung.

Marin Alsop

Wie zäh der Widerstand in der Musikbranche sein kann, erlebte Alsop 2005 am eigenen Leib: Als der Vorstand des Baltimore Symphony Orchestra sie zur neuen Musikdirektorin bestellte, geschah das gegen den erklärten Widerstand der Orchestermusiker, die sich ein grösseres Mitspracherecht gewünscht hätten. Wenige Tage vor der Abstimmung des Vorstands hatten die Musiker eine formelle Erklärung veröffentlicht, in der sie festhielten, Alsop nicht mittragen zu wollen. Sie habe sich im Kreuzfeuer wiedergefunden, sagte Alsop damals; ihre Berufung sei von Kontroversen überschattet gewesen. Zur historischen Dimension – sie war die erste Frau an der Spitze eines grossen US-Orchesters – äusserte sie sich gegenüber dem Hörfunksender NPR mit gemischten Gefühlen: Es sei grossartig, Teil der Geschichte zu sein; es mache sie aber traurig, dass sich im 21. Jahrhundert überhaupt noch «diese Art von Geschichte» schreiben lasse. Sie sagte zu – und blieb 14 Jahre.

2008 gründete sie Orch Kids, ein Musik- und Mentoringprogramm, für dessen Pilotphase sie 100.000 US-$ (rund 82.300 CHF) aus ihrem MacArthur-Stipendium zusagte – und startete mit 30 Kindern an einer Volksschule in West Baltimore. Das Programm stellt Instrumente, Unterricht während und nach der Schule, Hausaufgabenhilfe und eine Mahlzeit bereit und erreicht heute rund 2.000 Kinder an zehn Schulen in einkommensschwachen Vierteln der Stadt. Ihre Motivation begründete Alsop mit der Zusammensetzung ihres eigenen Orchesters: In einer Stadt, die zu 70 % afroamerikanisch sei, habe sie einen einzigen afroamerikanischen Musiker im Orchester gehabt. «Ich glaube nicht, dass wir eine Rolle spielen können», so Alsop 2015 bei einem Vortrag in Harvard, «wenn wir nicht die Gemeinschaften widerspiegeln, in denen wir leben.»

Vieles, was über die US-Amerikanerin ­geschrieben wird, handelt von ihrer Rolle als Pionierin. 2013 sagte sie dem Guardian: «Als Gesellschaft fällt es uns schwer, Frauen in diesen höchsten Führungspositionen zu akzeptieren.» Die Rolle als «Erste» prägt ihre Karriere indes weiter: 2019 übernahm sie die Position der Chef­dirigentin des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien; als erste Frau an der Spitze eines grossen österreichischen Orchesters. «Ich glaube, die Erste zu sein ist sowohl eine grosse Ehre als auch eine gewisse Belastung», so Alsop. «Man muss es irgendwie schaffen, sich durch all die Vorurteile, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben, hindurchzukämpfen.» Sie sei aber auch ein bisschen froh, diejenige zu sein, die diese Rolle innehat: «Das stört mich nicht besonders.»

Im März 2025 rief Alsop die Kampagne «#PurpleBaton» ins Leben – benannt nach einer der offiziellen Farben des Women’s History Month. Teilnehmende laden Fotos oder Videos mit einem violetten Taktstock unter dem Hashtag «#PurpleBaton» hoch, als Zeichen der Solidarität mit Dirigentinnen und Frauen in Führungspositionen der Musikbranche. Einen eigenen violetten Taktstock kann sich jede und jeder Interessierte im Internet bestellen; produziert wird er von einem Familienbetrieb, mit dem Alsop zusammenarbeitet. Im ersten Jahr schlossen sich der Kampagne über 100 Unterstützer an, darunter Grammy-Gewinner Carlos Miguel Prieto und die Dirigentin Mei-Ann Chen. Im zweiten Jahr zählte auch Ulrike Sych dazu, Rektorin der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Geboren in eine Musikerfamilie – der Vater Geiger, die Mutter Cellistin –, sass Alsop schon mit drei Jahren am Klavier, allerdings mit mässigem Erfolg. Mit sechs «trat sie zurück», wie sie es selbst formuliert, und wechselte zur Violine. Als Alsop mit sieben am Juilliard Pre-College für besonders begabte Kinder teilnahm, wippte und lächelte sie beim Spielen so auffällig, dass sich Konzertbesucher beschwerten, im hinteren Teil der zweiten Geigen versuche «irgendein kleines Kind, das ganze Orchester zu dirigieren». Den Ausschlag für ihre Karriere gab ein Konzertbesuch mit ihrem Vater: Auf dem Podium stand ein Dirigent, der lachte, sich bewegte und sichtlich Freude an seiner Arbeit hatte: Leonard Bernstein. Für die Neunjährige war klar: dirigieren und dabei Spass haben, das will sie auch. Wenig später überraschte sie ihr Vater mit der Kiste voller Taktstöcke.

Trotz elterlicher Unterstützung blieb ihr das Dirigieren aber zunächst verwehrt – «alle anderen», so Alsop, hätten ihr gesagt, das gehe als Mädchen nicht. Ihre ersten Versuche unternahm sie erst als Musikstudentin in Yale: Sie versammelte befreundete Instrumentalisten und bat sie, für sie eine Mozart-Sinfonie zu spielen – aus den informellen Proben wurde in ihren Zwanzigern ein eigenes Orchester. Musikalisch orientierte sie sich zunächst am amerikanischen Repertoire und am Jazz, mit einer eigenen Swingband namens String Fever, bevor sie sich zunehmend zeitgenössischer amerikanischer Musik zuwandte. Den ersten echten Karrieresprung brachte ein Konzert mit Bernstein selbst beim Tanglewood Music Festival; kurz darauf folgte ihre erste Musikdirektorinnenstelle bei der Eugene Symphony in Oregon. «Ich glaube, er (Bernstein, Anm.) hat mir den Mut gegeben, für meine Überzeugungen einzustehen», so Alsop. «Ich war zwar nicht in allem einer Meinung mit Bernstein, aber ich habe es wirklich bewundert, dass er bereit war, für seine Überzeugungen einzutreten.»

Denselben Eindruck gewinnt man von Alsop. Die Dirigentin plädiert dafür, Bildung stärker künstlerisch auszurichten, und sieht darin einen direkten Zusammenhang mit einer toleranteren und kreativeren Gesellschaft. Den Zustand der öffentlichen Kunstförderung in ihrer Heimat USA beschreibt sie als «katastrophal». Darüber hinaus kritisiert Alsop, dass die Entscheidungs­träger im klassischen Musikbetrieb – die grossen, finanzstarken Orchester und deren Verwaltungen bzw. Aufsichtsgremien – kaum bereit seien, Risiken einzugehen und etablierte Konventionen infrage zu stellen.

Alsop selbst musste auch Rückschritte akzeptieren, um sich ihren Traum des Dirigierens zu er­füllen – als gefragte Jazz-Geigerin in New York verdiente sie in den frühen 90er-Jahren rund 60.000 US-$ jährlich (nach heutiger Kaufkraft etwa 153.000 US-$), bis sie mit ihrer ersten Dirigentinnenstelle bei der Eugene Symphony einen Einkommenseinbruch auf 16.000 US-$ in Kauf nahm. «Ich hatte mir selbst versprochen, vom Dirigieren zu leben, sobald es irgend möglich ist», sagt sie.

Doch selbst die Existenz eines traditionsreichen Orchesters ist mitunter prekär, wie der Fall des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien zeigt. Seit 2023 stand das Orchester im Zuge der Spardebatten um den ORF wiederholt zur Disposition. Markus Poschner, der als Nachfolger von Alsop ab der Saison 2026/27 das Chef­dirigat übernehmen wird, machte seine Zusage öffentlich von einer Bedingung abhängig: Er werde den Posten nur antreten, wenn die Finanzierung des Orchesters bis dahin gesichert sei. Das im Sommer 2025 beschlossene Budgetbegleitgesetz schafft dafür einen Rahmen – es erlaubt dem ORF, zwischen 2027 und 2029 jährlich bis zu 35 Mio. € (33 Mio. CHF) mehr aus den Beitragseinnahmen zu verwenden, allerdings nur unter der Auflage, das RSO, ORF Sport + und ORF III weiter­zuführen. Gleichzeitig entfällt seit Jahresbeginn 2026 ein bisheriger 10-Mio.-€-Zuschuss des Bundes für das RSO und ORF Sport +. Verschärft wird die Lage zusätzlich dadurch, dass die Regierung dem ORF ab 2027 eine bislang gewährte Kompensation von 93 Mio. € pro Jahr streicht – ein Ausgleich für den mit der Umstellung auf den ORF-Beitrag entfallenen Vorsteuerabzug, der den finanziellen Spielraum des Gesamthauses zusätzlich einschränkt.

In den prunkvollen Räumlichkeiten des Wiener Konzerthauses scheinen diese Sorgen weit weg. In wenigen Stunden wird der Grosse Saal randvoll sein. Kaum jemand wird sich fragen, ob eine Frau am Pult stehen darf – zumindest, wenn Alsops welt­bekannter Name zum Konzert lädt. Aus der neun­jährigen Alsop, der man das Dirigieren zunächst verwehrte, wurde eine Dirigentin, die heute Orchester weltweit leitet. Offen bleibt, was ihre Nachfolgerinnen nun brauchen: Alsops eigene Stipendiatinnen nennen vor allem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die mentale Gesundheit in einem Hochdruckberuf als Herausforderungen. Seit Alsop das Taki Alsop Conducting Fellowship 2003 ins Leben rief, haben 42 Fellows das zweijährige Programm durchlaufen, weitere 50 Mentees haben von 1:1-Beratung durch Alumnis des Fellowships profitiert. 32 Dirigentinnen dieser insgesamt 92 Frauen halten heute einen Posten als Musikdirektorin oder Chefdirigentin. «Es war schwer für mich, damit es für dich leichter wird», wird Alsop auf der Webseite zitiert. •

Fotos: Gianmaria Gava

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