Die Entschlüsselung der Intelligenz

Pascal Kaufmann will nichts weniger, als den Code des menschlichen Gehirns zu knacken. Für ihn ist das Gehirn der letzte unentdeckte Kontinent – und dessen Erforschung der Schlüssel zu wahrer künstlicher Intelligenz. Im Interview spricht der Neurowissenschaftler und Serienunternehmer über seinen Pioniergeist, Europas Rolle im globalen KI-Wettlauf und eine Zukunft, in der Roboter arbeiten, während der Mensch sich als «Homo gaudens» der Annehmlichkeiten des Lebens erfreut.

Schon vor dem Interview wird klar, dass Pascal Kaufmann dieser Tage viel beschäftigt ist: Er bittet, sich nur auf die wichtigsten Fragen zu beschränken, und fragt, ob wir die angestrebte Zeit nicht verkürzen könnten. Als wir ihn schliesslich Anfang Juni in seinem Büro treffen, schneit er für einen Moment herein – und ist gleich wieder verschwunden, während wir noch mit dem Aufbau beschäftigt sind; er müsse noch rasch etwas er­ledigen. Dass Zeit dieser Tage ein kostbares Gut ist, mag nicht verwundern, immerhin treibt der Neurowissenschaftler und Mehrfachunternehmer derzeit mehrere Projekte gleichzeitig voran. Das aktuellste: Anfang Juli veranstaltete er gemeinsam mit Partnern wie dem Davos Congress, der Gemeinde Davos, mehreren Kantonen sowie Unternehmen wie Nvidia, Deloitte, EY und AWS den ersten Davos Tech Summit. Die Kon­ferenz brachte internationale Experten aus Forschung, Wirtschaft und Politik zusammen, um Davos und die Schweiz als führenden globalen Hub für Robotik, Physical AI und Deeptech-Infrastruktur zu positionieren und die Gemeinde in eine Art «Robot City» zu verwandeln, in der Besucher mehr als 40 Anwendungen unmittelbar erleben können: So arbeiteten humanoide Roboter etwa als Barkeeper oder Hotelrezeptionisten, während autonome Systeme beim Einkaufen oder der Paketlieferung unterstützten und Gäste in selbstfahrenden Shuttles transportierten. Zu den besonderen Attraktionen gehörte Moya, ein biomimetischer (auf der Nachahmung biologischer Strukturen, Formen, Baupläne oder Prozesse beruhend) Social-Companion-Roboter des chinesischen Robotikunternehmens Droid Up, der erstmals in Europa präsentiert wurde.

Vor heutiger KI habe ich gar keine Angst. Heutige KI besitzt keine Autonomie.

Pascal Kaufmann

Mit Alpine AI bietet Kaufmann zudem sichere und datenschutzkonforme KI-Anwendungen für regulierte und sensible Bereiche an. ­«Alpine AI ist aus dem Gedanken entstanden, dass wir die Schweizer KI-Souveränität verteidigen müssen. Wir wollen unsere Lösung für sensible Bereiche wie Behörden und Spitäler etablieren – idealerweise für jeden Kanton und jede Stadt. Gleichzeitig gewinnen wir auch in Europa bereits Marktanteile», sagt Kaufmann. So hat ­Alpine AI bereits gemeinsam mit der Health Info Net AG, führend in der sicheren digitalen Kommunikation und im Datenschutz im Schweizer Gesundheitswesen, den Swiss Health Assist entwickelt. Die Anwendung unterstützt medizinisches und psychologisches Fachpersonal dabei, administrative Aufgaben wie Patientendokumentationen oder Verlaufsberichte automatisiert zu bewältigen. Zudem wird gemeinsam mit Egovpartner – einer Organisation, die dafür sorgt, dass Behörden­gänge in Zürich digital werden – in ersten Pilot­gemeinden und Städten des Kantons eine KI-Plattform als sichere, datenschutzkonforme Lösung für verwaltungsinterne Arbeit realisiert. Das 2023 gegründete Unternehmen finanzierte sich zunächst über seine Gründer sowie deren Netzwerk. Dazu gehören neben Kaufmann weitere KI-Experten wie Prof. Dr. Thilo Stadelmann, Leiter des Centre for Artificial Intelligence, und Prof. Dr. Marcel Blattner, Co-Leiter des Applied AI Research Lab an der Hochschule Luzern. Im April 2026 schloss Alpine AI eine Seed-Finanzierungsrunde im zweistelligen Millionenbereich ab. Angeführt wurde die Runde von Swiss KMU Partners. Das Kapital soll in den Ausbau der Plattform, die Skalierung im Schweizer Markt und die Expansion in europäische Kernmärkte fliessen. Kaufmann stellt klar: «Wir sind profitabel ins Fundraising gestartet. Wir haben jetzt Geld aufgenommen, weil wir in den Ausbau investieren wollen.» Auf dem Weg zur europäischen Expansion geriet Alpine AI allerdings auch mit dem US-Konzern Open AI aneinander. Gegenstand des Konflikts war der Markenname des Kernprodukts von Alpine AI, das als Schweizer Alternative zu Chat GPT angesehen werden kann: Swiss GPT. Open AI, das in der Schweiz Markenrechte an Chat GPT beansprucht, ging gegen die Eintragung von Swiss GPT vor. Das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentum kam 2025 zum Schluss, dass zwischen den Bezeichnungen Swiss GPT und Chat GPT Verwechslungsgefahr besteht. Die formelle und geschützte Markeneintragung im Register des IGE musste gelöscht werden.

Aktuelle Aussagen führender KI-Experten malen ein düsteres Bild: So bezifferte der KI-Pionier und Nobelpreisträger Geoffrey Hinton die Wahrscheinlichkeit, dass KI innerhalb der kommenden Jahrzehnte zur Auslöschung der Menschheit führen könnte, mit 10 bis 20 %. Der kanadische Informatiker Yoshua Bengio, der als einer der wegweisenden Pioniere für KI gilt und oft als einer der «Gründerväter der modernen KI» bezeichnet wird, warnt davor, dass zunehmend autonome Systeme lernen könnten, Menschen zu täuschen, sich ihrer Kontrolle zu entziehen und eigene Ziele zu verfolgen. Und Anthropic-CEO Dario Amodei prognostiziert, dass KI innerhalb weniger Jahre bis zur Hälfte der Einstiegsstellen in klassischen Berufen verdrängen könnte. Am 5. Juni forderte er, dass die Welt die Möglichkeit haben muss, die Entwicklung von Spitzen-KI zu verlangsamen oder vorübergehend auszusetzen. Vier Tage später veröffentlichte das Unternehmen das neue KI-Modell Claude Fable 5, das nur drei Tage nach dem Launch wieder abgeschaltet wurde. Der Grund: Sicherheitsbedenken der US-Regierung. Zudem stand das Modell auch wegen seiner immensen Betriebskosten in der Kritik. «Solche Dinge werden medial ausgeschlachtet. Das ist eine Strategie: Man veröffentlicht etwas und sagt gleichzeitig, es sei so gefährlich, dass man es besser nicht anfassen sollte. Das ist top US-Marketing», so Kaufmann; und führt weiter aus: «Vor heutiger KI habe ich gar keine Angst. Heutige KI besitzt keine Autonomie. Sie ist im Kern menschliche Intelligenz, die von Programmierenden in Software gegossen wurde. Mich interessiert menschenartige künstliche Intelligenz: ein System, das eigenständig Motive und Ziele entwickelt. Das wäre etwas grundsätzlich anderes. Davor habe ich grossen Respekt.»

Pascal Kaufmann wuchs im Zürcher Unterland auf und besuchte dort die Kantonsschule mit Fokus auf alte Sprachen und Philosophie. Prägend wurde für ihn insbesondere der Altgriechisch-Unterricht. Als sein Lehrer die Sage von Prometheus erzählte, verstand Kaufmann sie anders als beabsichtigt: nicht als Warnung davor, göttliche Grenzen zu überschreiten, sondern als Inspiration. Prometheus, der den Menschen das Feuer und damit Wissen, Technik und Fortschritt brachte, erschien ihm als Pionier. «Für mich war dann klar: Ich baue eines Tages Menschen, und ich werde künstliche Intelligenz bauen», erinnert sich Kaufmann und führt weiter aus: «Und wenn ich etwas erreichen will, muss ich ein Stück weit mit den Regeln brechen. Wenn man nur nach dem bestehenden Regelwerk spielt, kommt man international nicht weit.» Nach seiner Schulzeit studierte er an der ETH Zürich und absolvierte ein interdisziplinäres Masterstudium in Neurowissenschaften und Wirtschaft mit Forschungsaufenthalten an der Northwestern University in Chicago, USA.

Anschliessend forschte er am Artificial Intelligence Laboratory der Universität Zürich an der Schnittstelle zwischen Gehirn und Maschine und sammelte währenddessen als Director im Private Banking bei Julius Bär praktische Erfahrungen in der Wirtschaft. Während dieser Zeit lernte Kaufmann den Informatiker Marc Vontobel kennen. Die beiden begegneten sich im Rahmen eines Forschungsprojekts zur besseren Vernetzung der globalen Forscher-Community. Sie stellten fest, wie mühsam es war, an spezifisches Fachwissen anderer Experten heranzukommen. Vontobel entwickelte deshalb einen auf Kaufmanns neurowissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Algorithmus, der Fragen analysiert und gezielt jene Personen findet, die sie am ehesten beantworten können. Als beide erkannten, dass dieses Problem besonders grosse Unternehmen betrifft, beschlossen sie, den Ansatz zu kommerzialisieren: 2010 gründeten sie das Spin-off Starmind, das Wissen innerhalb von Organisationen sichtbar und über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg zugänglich machen sollte. Die Idee zog Kunden wie Novartis, Swisscom oder Swiss Re an – und Niederlassungen in Frankfurt a. M. sowie New York nach sich. 2025 beschäftigte Starmind laut der Datenbank Getlatka rund 49 Mitarbeitende und erzielte einen Umsatz von 5,4 Mio. US-$.

Kaufmann zog sich bereits 2010 aus dem operativen Geschäft zurück. «Ich hatte zusammen mit meinem Mitgründer eigentlich die Kontrolle über die Firma, aber aufgrund einiger Entscheidungen haben VCs den Ton angegeben», erinnert er sich. Zudem wollte er sich wieder seiner Grundsatzfrage widmen: Wie funktioniert menschliche Intelligenz? Bereits 2017 hatte Kaufmann dafür die Mindfire Foundation ins Leben gerufen. Ursprünglich sollte sie die besten hundert KI-Forscher identifizieren und in die Schweiz holen, um gemeinsam die grundlegenden Prinzipien menschlicher Intelligenz zu entschlüsseln, also den «Brain Code» zu knacken. «Man kann mittlerweile beweisen, dass die Besten der Besten in gewissen KI-Benchmarks viel schlechter abschneiden als Maschinen. Das war ein Grund zu sagen: Diesem Ansatz weiter zu folgen ergibt keinen Sinn mehr. Deshalb haben wir aufgehört, Talente global zu identifizieren und in grossen Netzwerken zusammenzuschliessen. Large Language Modelle haben diesen Ansatz überholt», so Kaufmann. Auch die ursprüngliche Idee von Starmind, menschliche Gehirne zu einer kollektiven globalen Intelligenz zu verbinden, erscheint Kaufmann zunehmend überholt: «Es ging darum, Menschenhirne zusammenzuschliessen und daraus eine Superintelligenz zu schaffen. Aber wenn du heute schaust, überflügeln GPTs die meisten Menschen», sagt er. Der Abschied fiel ihm damals dennoch schwer: «Das hat mir schon wehgetan. Es ist, wie wenn du eine Familie aufgebaut oder ein Kind grossgezogen hast und dann gehst.» Im März dieses Jahres wurde Starmind schliesslich an das US-amerikanische KI-Unternehmen Capacity verkauft. Über die Summe wurde Stillschweigen vereinbart. «Ich selbst hätte Starmind nicht verkauft», so Kaufmann über den Deal.

Seine Suche nach dem grundlegenden Prinzip von Intelligenz führt Kaufmann derweil weiter. Angetrieben wird er dabei von seinem Entdeckergeist. «Das Hirn ist der letzte unentdeckte Kontinent. Man kann künstliche Herzen bauen, künstliche Hände. Man war auf dem Mond, kennt den Mars. Aber etwas vom Interessantesten, was noch nicht entdeckt ist, ist tief in uns drinnen: das Geheimnis der Intelligenz», so Kaufmann und führt weiter aus: «Ich glaube, man versteht mich am besten, wenn man mich als Entdecker- oder Pioniertyp sieht. Kaufleute sind oftmals die Ersten, die an neue Orte gehen, um neue Dinge zu entdecken. Das steckt seit Hunderten von Jahren in meinem Namen.» Sein Antrieb hat jedoch auch eine persönliche Seite und wird von der Hoffnung getragen, dass KI kombiniert mit dem Verständnis biologischer Intelligenz künftig dazu beitragen kann, selbst extrem seltene genetische Erkrankungen zu entschlüsseln. «In meinem engsten Freundeskreis gibt es eine sehr seltene genetische Erkrankung, die man in der Schweiz praktisch nicht kennt», erzählt Kaufmann. «Es sind nur wenige Gene, das man theoretisch relativ einfach korrigieren könnte – wenn man nur wüsste, wie. Das ist schon auch ein Motivator.»

2022 gründete er deshalb in Davos das Forschungszentrum Lab 42 als Teil der Mindfire-Initiative. Das in Davos ansässige Institut will neue Ansätze für eine KI entwickeln, die nicht nur grosse Datenmengen verarbeitet, sondern abstrahieren, schlussfolgern und flexibel lernen kann – langfristig also Fähigkeiten auf menschlichem Niveau erreicht. 2023 folgte mit Alpine AI der nächste unternehmerische Schritt. Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung sollen hier in konkrete, souveräne KI-Lösungen für Unternehmen, Behörden und das Gesundheitswesen überführt werden. Alpine AI beschäftigt derzeit rund 25 Mitarbeitende, Umsatzzahlen legt das Start-up nicht offen.

Hinter seinen neuesten Tätigkeiten steht für Kaufmann vor allem auch eine geopolitische ­Dringlichkeit. Tatsächlich konzentriert sich ein grosser Teil der weltweiten KI-Entwicklung auf die USA und China: Laut Stanford AI Index brachten US-Institutionen 2025 insgesamt 50 bedeutende KI-Modelle hervor, China 35. Zugleich führt China bei der Zahl der KI-Publikationen, -Zitationen und -Patenterteilungen, während die USA den privaten Kapitalmarkt dominieren: 2025 flossen dort 285,9 Mrd. US-$ in KI-Unternehmen – gegenüber 12,4 Mrd. US-$ in China. «Wenn die Chinesen den Brain Code knacken, oder die Amerikaner, dann sieht es für uns und unsere Werte etwas düster aus», warnt Kaufmann. Gerade deshalb sieht er Europa und insbesondere die Schweiz in der Pflicht, selbst eine führende Rolle einzunehmen: «Wenn uns unsere Freiheit und unsere Werte etwas bedeuten, dann müssen wir auch etwas dafür tun: dieses Rennen gewinnen.»

Mit seiner Vision steht Kaufmann in einer grösseren Debatte über die Zukunft und das Zusammenleben mit KI – vor allem auch in puncto Arbeit. Der Future of Jobs Report 2025 rechnet bis 2030 zwar mit mehr neu geschaffenen als verdrängten Stellen, dennoch ist die Sorge entsprechend gross: In einer Reuters/Ipsos-Umfrage befürchteten 71 % der Befragten, dass KI dauerhaft Arbeitsplätze vernichten könnte. Was viele als Bedrohung empfinden, erscheint Kaufmann dagegen eher als Befreiungsschlag: «Ich spreche häufig von der Transition vom Homo faber, dem arbeitenden Menschen, zum Homo gaudens, der sich hauptsächlich nur den Freuden und schönen Dingen des Lebens hingibt. Ich finde das gar keine schlechte Entwicklung», sagt er. Dass ihm in einer Welt ohne klassische Erwerbsarbeit langweilig werden könnte, glaubt er nicht: «Es gibt so viele interessante Dinge: auf den Malediven schwimmen, Planeten ent­decken oder ein Gehirn auseinandernehmen. Ich könnte mein ganzes Leben mit Dingen verbringen, die nicht Routine sind.» Bleibt unter anderem die Frage, wie eine Gesellschaft finanziert werden soll, in der Menschen immer weniger Erwerbsarbeit leisten. Kaufmann setzt auch hier auf Maschinen: «Meine Roboter arbeiten für mich. Die sind so produktiv, dass sie die Steuern zahlen und viele Dinge des Alltags wesentlich günstiger herstellen. Erst neulich wurden die öffentlichen Verkehrsmittel in Luxembourg für alle kostenfrei. Das sind die ersten Beispiele, wie Technologie unser Leben einfacher macht und ein neues Goldenes Zeitalter einläuten kann», beschreibt er das Gedankenexperiment weiter. Langfristig hält er sogar eine Gesellschaft für denkbar, in der Geld seine heutige Bedeutung verliert. Schliesslich funktionierten auch andere komplexe Systeme – von natürlichen Lebensgemeinschaften bis zu den Gesellschaftsentwürfen im Bereich Science-­Fiction – ohne klassische Erwerbsarbeit und ohne Geld als zentralen Wertmassstab. Es sind Gedanken, die noch stark nach Zukunftsmusik klingen mögen. Eines ist für Kaufmann jedoch glasklar und greifbar: «Der Brain Code wird geknackt. Noch vor 2030.»

Fotos: Mara Truog

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