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Nicht alles, was Bernhard Fragners Erfolg ausmacht, hat beim ersten Anlauf geklappt. Die Lektion, die ihn bis heute begleitet: Man stellt sich der Aufgabe und kneift nicht; wer sich auf Misserfolge einlässt, entwickelt Resilienz. Heute leitet Fragner die Charter-Fluggesellschaft Globe Air. In einem herausfordernden Markt setzt er auf Fractional Ownership, um seine Flotte zu erneuern.
Flughafen Hörsching bei Linz, an einem Donnerstagnachmittag. Der Parkplatz ist nur spärlich besetzt. Wer in die Flughafenstrasse einbiegt, passiert mehrere Autovermietungen, die Grenzpolizeiinspektion und das Linzer Zollamt. An einem Kiosk prangt das Schild „Airline Imbiss“; Gäste sind an diesem Tag keine zu sehen. Der Eindruck täuscht: Vergangenes Jahr fertigte der Flughafen über 260.000 Passagiere ab, fast doppelt so viele wie 2024. Doch abseits des Linienflugverkehrs herrscht deutlich weniger Trubel. Ein paar Hundert Meter vom Hauptgebäude entfernt ragt ein dunkelgrauer Hangar empor, den das rote Globe-Air-Logo ziert. Die Fertigstellung reicht keine drei Jahre zurück.
Bernhard Fragner hat sich hier einen Lebenstraum aufgebaut. Sein Unternehmen Globe Air führt Charterflüge mit Privatjets durch. Rund 160 Mitarbeitende, davon etwa die Hälfte Piloten, bringen Geschäfts- und Urlaubsreisende in den kleinen Maschinen des Typus Cessna Citation Mustang von A nach B. Etwa 9.500 dieser Flüge führt Globe Air jedes Jahr mit eigenen Maschinen durch. Im vergangenen Geschäftsjahr fuhr das Unternehmen insgesamt 41,3 Mio. € Umsatz ein.
Zu den beliebtesten Routen zählen geschäftliche Strecken wie Paris–Zürich und Genf–London, aber auch Winterdestinationen in den Schweizer Alpen und Sommerausflüge an die Adria sind gefragt. Ein Ein-Personen-Flug von Wien nach Frankfurt Ende Juni kostete zu Redaktionsschluss 9.800 €, wie ein Blick in das Buchungstool auf der Webseite verrät. Überraschend: Rund 17 % der Kundenzahlungen vergangenes Jahr erfolgten in Bitcoin. Als einer der ersten Anbieter weltweit hatte sich Globe Air 2016 dazu entschieden, Kryptogeld zu akzeptieren. „Wir reden hier nicht von einer Handvoll Nerds“, sagt Fragner, „sondern von Zehntausenden Leuten, die in kürzester Zeit sehr vermögend wurden.“
Wer annimmt, Privatjet-Kunden seien vor allem Milliardäre auf Urlaubstrip, unterschätzt das Segment der Geschäftskunden: 60 % von Globe Airs Kundschaft sind Konzerne und exportorientierte Unternehmen mit über 100 Mio. € Umsatz. Geschäftsführung oder Vorstand sind meist noch persönlich im operativen Betrieb tätig, das verlangt nach Effizienz – wer täglich zu Kunden, Niederlassungen und Partnern muss, hat kein Zeitbudget für kommerzielle Flughäfen. „Es ist ein Werkzeug“, sagt Fragner. Das gilt auch für Spitzenpolitiker, deren Tagesplan mit klassischen Flugverbindungen nicht abbildbar ist; oder Leistungssportler und Musiker, die besondere Anforderungen haben. Als Beispiel nennt Fragner einen weltbekannten Musiker, der mit dem geliehenen Instrument eines Investors reist: Es erfordert eine Sonderversicherung und kann nicht im regulären Gepäck transportiert werden. Viele suchen aber auch Annehmlichkeiten, die der Linienflugverkehr nicht bietet.
Ein Garant für ein profitables Geschäftsmodell ist das jedoch nicht. Die Margen im Flugverkehr sind dünn; Fragner sagt das ganz offen. Ihm scheint wenig daran zu liegen, die Dinge anders darzustellen, als sie sind. Aktuell kämpfen Anbieter mit langen Lieferzeiten, Engpässen bei Piloten und Technikern, aber auch steigenden Betriebskosten, verstärkt durch volatile Treibstoffpreise inmitten der geopolitischen Unsicherheiten. Mehrere Mitbewerber sind bereits lange zuvor in Konkurs gegangen, darunter die auf Geschäftsflüge spezialisierte Fluggesellschaft Jetalliance (vormals Magna Air, Anm.). Geht es nach Fragner, ist der Markt gross genug für alle. Er kritisiert das in der Branche weitverbreitete „Ego-Denken“, dem die Bereitschaft zur Konsolidierung fehle. „Das kostet das gesamte Gewerbe Deckungsbeitrag“, so der CEO. Seit 15 Jahren setzt er sich branchenintern für mehr Zusammenarbeit ein. Sie schreitet allerdings nur langsam voran, wie der Unternehmer selbst zugibt.
Das hat mich so interessiert, dass die Überzeugung entstanden ist: Ich will eine Airline gründen.
Bernhard Fragner
Wenn Fragner von seiner beruflichen wie persönlichen Reise erzählt, gibt es ein Motiv, auf das er immer wieder zu sprechen kommt: den „Weg der kleinen Schritte“, wie er es nennt. Er erzählt von einer herausfordernden Schulzeit und einer akademischen Karriere, deren Ausgang ungewiss war. Nachdem Fragner die Matura bestanden hatte, wurde das Technikstudium in Wien zur Bewährungsprobe. „Wie soll ich das jemals fertigmachen?“, habe er sich damals gefragt. Aber er entwickelte das Prinzip, das ihn seither begleitet: nicht auf den grossen Durchbruch hinarbeiten, sondern eine Prüfung nach der anderen nehmen.
Nach dem Studium arbeitete Fragner für ein technisches Büro und anschliessend das Energieunternehmen Eqos (vormals Alpine-Energie), das Kunden in Österreich und Osteuropa bediente. Die Tätigkeit habe ihn mit anderen Kulturen und Religionen konfrontiert, ihn weltoffener und toleranter gemacht. „Da habe ich verstanden, dass die Welt nicht so ist, wie ich sie sehe – als kleiner Österreicher vom Land“, erzählt Fragner. In diesen Jahren erhielt er die Möglichkeit, den Privatpilotenschein beim Bundesheer zu absolvieren. Den Grossteil seiner Arbeitszeit verbrachte Fragner allerdings nach wie vor im Auto. Weil ihm das ineffizient erschien, überzeugte er seinen Chef davon, dass Fliegen die bessere Alternative sei. Sein ehemaliger Fluglehrer beim Bundesheer riet ihm: „Mach den Linienpilotenschein und organisiere dir ein Flugzeug.“ „So einfach geht das aber nicht“, lacht Fragner. Doch er hatte Glück: Wenig später meldete sich sein Fluglehrer erneut – mit dem Angebot, ihm ein Flugzeug zu verkaufen. „Da sind so viele Leute dran, Zeit zum Verhandeln gibt es keine“, habe er ihm gesagt, „aber wenn du der Erste bist, bekommst du ein super Flugzeug.“ Fragner blieb wenig Zeit, um sich zu entscheiden. Er nutzte sie, um fünf andere Geschäftstreibende zu überzeugen, das Flugzeug gemeinsam zu erwerben. Alle absolvierten anschliessend den Linienpilotenschein. Von da an stieg er häufig in der Früh ins Flugzeug, flog drei Länder ab und kehrte am Abend nach Hause zurück. „Das war das Effizienztool schlechthin“, sagt er.
Nach sechs Jahren im Geschäft beschlich Fragner der Wunsch, etwas Neues zu wagen. Die Luftfahrt faszinierte ihn, aber Pilot wollte er nicht werden. Also besuchte er Konferenzen und Messen weltweit, um die Branche kennenzulernen. „Das hat mich so interessiert, dass die Überzeugung entstanden ist: Ich will eine Airline gründen“, erzählt Fragner. Sein Umfeld riet ihm davon ab. Er selbst dachte an den Weg der kleinen Schritte zurück. „Sie haben mich über zwei Jahre vom Plan bis zur Firmengründung geführt“, so der CEO. Es gelang ihm, den Gründer des Automobilzulieferers Polytec, Friedrich Huemer, als Mentor und Investor zu gewinnen. Dieser stand nicht nur kurz davor, ebenfalls den Pilotenschein zu absolvieren, sondern hatte selbst Bedarf an zeitsparendem Reisen.
Es gab Phasen, da schien es unwahrscheinlich, dass Globe Air zu den Überlebenden der Branche zählt. Wenige Monate nachdem Fragner das Unternehmen mit der Unterstützung von Huemer ins Leben gerufen hatte, brach die Finanzkrise über Europa herein. Im September 2008 erhielt Globe Air die Betriebsgenehmigung, im selben Monat ging die Investmentbank Lehman Brothers pleite. Obendrein meldete die Finanzfirma Globe Invest, deren Geschäftsführer Bernhard Wolschlager in Globe Air investiert war, ebenfalls Konkurs an. Der Umsatz blieb aus. Fragner spielte mit dem Gedanken, den Betrieb wieder einzustellen. Es war Huemer, der den Impuls gab, weiterzumachen und antizyklisch zu investieren. Als wenig später ein italienischer Konkurrent insolvent wurde, kaufte Globe Air fünf fast neue Flugzeuge zum Spottpreis – und wuchs damit über Nacht von drei auf acht Maschinen.
Der wohl bedeutendste Einschnitt nach der frühen Wachstumsphase des Unternehmens war die Entscheidung, 2015 Strategieberater von aussen hinzuzuziehen. Bis zu diesem Zeitpunkt operierte Globe Air stark im Broker-Geschäft, also nicht als Direktanbieter, sondern als Flugvermittler. Die Berater drängten auf eine Orientierung hin zum Endkunden, einen stärkeren Markenaufbau und Social-Media-Präsenz. Fragner, der sich selbst bis dahin bewusst im Hintergrund gehalten hatte, begann, dem Unternehmen ein Gesicht zu geben. Er beschreibt das Wachstumsmuster dieser Phase als asymmetrisch: erst den Umsatz und die Marke vorantreiben, dann die Flotte und das Team nachziehen. Nach dem frühen Insolvenzfall des ersten Investors war das Thema externe Investoren erledigt. Huemer und Fragner blieben die einzigen Eigentümer, und das soll sich auch nicht ändern. Die beiden ergänzen einander: Huemer kommt aus der Produktion und hatte zuvor null Berührungspunkte mit Luxus und Premium – „genau deshalb liefert er Denkansätze,
die ich allein nie entwickelt hätte“, sagt Fragner.
Der nächste Strategieschwenk, an dem Globe Air seit mittlerweile drei Jahren arbeitet, wird diesen Sommer sichtbar. Mit dem Fractional-Ownership-Programm kaufen Kunden nicht mehr einzelne Flüge, sondern Anteile an Flugzeugen, im Austausch gegen garantierte Verfügbarkeit. Es ist ein notwendiger Schritt, um die Globe-Air-Flotte bis 2030 auf das Modell Cessna Citation M2 umzurüsten. Für die fabrikneue Variante sind rund 7,2 Mio. US-$ (6,2 Mio. €) fällig – diesen finanziellen Aufwand müsste Fragner für 25 bis 30 Flugzeuge tätigen. Fractional Ownership verteilt diese Last. „Ausserdem wird die Kommunikation mit dem Kunden viel enger“, sagt Fragner. Drei neue Flugzeuge sollen noch in diesem Sommer eingeflottet werden. Dutzende Interessensbekundungen bestehen nach Aussage des Unternehmers bereits. Aktuell ist Globe Air damit beschäftigt, die Flugzeuge zu beschaffen. „Hier sind wir schon sehr weit, gleichzeitig reden wir mit den Kunden, die tatsächlich Interesse haben, einen Anteil zu erwerben“, so Fragner.
Erst im Herbst 2024 erhielt Globe Air die Vollzulassung als eigenständiger Wartungsbetrieb, was einen weiteren Einkommensstrom möglich macht. Bislang wurden Drittkunden kaum bedient; heuer sind es 5 % Fremdumsatz, im kommenden Jahr sollen es 20 % sein.
Doch nicht alles, was Globe Air bewirbt, muss sich als umsatzrelevant beweisen. Dazu zählen die sogenannten „Empty Legs“-Flüge: Rund 30 % aller Globe-Air-Flüge fliegen leer, weil die Maschinen stets dorthin gebracht werden müssen, wo der Kunde ist. Diese Positionierungsflüge können Interessierte vergünstigt auf der Webseite buchen. Sie sollen die Einstiegsschwelle für potenzielle Neukunden senken.
Das Unternehmen bewirbt sie stark auf ihren digitalen Kanälen. Doch die Online-Reichweite verkauft nicht nur Flüge, die Popularität der „Empty Legs“ generiert umgekehrt auch Social-Media-Präsenz. Rund 340.000 Menschen folgen dem Unternehmen auf Instagram, wo Fragner etwa darüber aufklärt, ob Piloten während des Fliegens Musik hören dürfen (nein, dürfen sie nicht) und wie der Betrieb hinter den Kulissen abläuft.
Ich bin gerne hier in Österreich – trotzdem fühle ich mich als Europäer, nicht als Österreicher.
Bernhard Fragner
Dass der Kanal seit Jahren organisch wächst, geht auf eine ungewöhnliche Entscheidung Fragners zurück: Als ihn ein Mitarbeiter vor wenigen Jahren auf die noch fehlende Social-Media-Strategie aufmerksam machte, forderte der CEO ihn auf, selbst eine zu entwerfen – und entschied sich später, diesen Mitarbeiter bei seinem Schritt in die Selbstständigkeit zu unterstützen. Seit Mai 2025 ist Fragner Mitgründer von Miller & Motion, der Videoproduktionsfirma dieses Mitarbeiters, der Globe Air weiterhin zu seinen Kunden zählt.
Welche weiteren Schritte schweben Fragner in den kommenden Jahren vor? Der Unternehmer blickt mit grossem Interesse auf die skandinavischen Länder. Auch der Nahe Osten könnte in den kommenden fünf bis zehn Jahren zum Geschäftsfall werden; erste Gespräche laufen bereits. „Die Region wächst und die Expat-Szene ist riesig“, sagt Fragner. Backoffice-Funktionen könnten weiter von der Linzer Zentrale aus gesteuert werden, während das Kundeninterface vor Ort wäre.
Bis dahin sind die Maschinen von Globe Air im Kernmarkt Europa im Einsatz. Das liegt grossteils daran, dass die Flugzeuge nicht für längere Strecken geeignet sind. Aber Fragner spricht auch mit Überzeugung davon, Europäer zu sein: „Ich bin gerne hier in Österreich, ich mag das Land und die Berge“, so der CEO, „trotzdem fühle ich mich als Europäer, nicht als Österreicher.“
Nach dem Interview mit Forbes steigt Fragner selbst wieder in den Flieger, um an einer Branchenveranstaltung in München teilzunehmen. Er fliegt immer noch regelmässig. „Fliegen bedeutet für mich Lebensqualität“, sagt er. Etwa 200 Tage im Jahr verbringt der Globe-Air-Chef auf Achse. Welchen Tipp kann er Vielfliegern weitergeben? Fragner lacht: „Alles standardisieren!“, sagt er. „Meine Sonnenbrille habe ich in mehrfacher Ausführung überall platziert – im Auto, im Wohnzimmer, in meinem Fahrradrucksack und in meinem Reisekoffer.“
Fotos: Andreas Jakwerth , Globe Air