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Das Start-up Tomorrow Biostasis von Emil Kendziorra und Mitgründer Fernando Azevedo Pinheiro konserviert die Körper von Menschen, die auf eine zweite Chance hoffen. Ob die Wissenschaft jemals so weit sein wird, dieses Versprechen einzulösen, ist offen; doch es gibt Investoren, die sich an der Idee beteiligen. Das Unternehmen verwaltet 200 Mio. € Vertragsvolumen – und Kendziorra schliesst einen zukünftigen Börsengang nicht aus.
Kein Grabstein, kein Lebensbaum, keine Gedenktafel; stattdessen steht ein grauer Tank aus Edelstahl in einem Raum, der auf etwa 18 Grad Celsius heruntergekühlt wird: Die Hoffnung auf ewiges Leben (oder zumindest ein zweites) ist in ihrer Umsetzung wenig elegant. Und doch gibt es eine Handvoll Menschen, die erhebliche Summen investieren, um ihren Körper nach dem Tod auf diese Weise aufbewahrt zu wissen. Sogenannte Kryoniker sind überzeugt: Mit der richtigen Technologie können verstorbene Menschen konserviert und zu einem späteren Zeitpunkt wieder ins Leben zurückgeholt werden.
Was an Science-Fiction erinnert, ist es vermutlich auch. Doch der 40-jährige Emil Kendziorra und sein Mitgründer Fernando Azevedo Pinheiro sind bereit, alles auf die kleine Wahrscheinlichkeit zu setzen, dass der wissenschaftliche Durchbruch gelingt. Ihre Zuversicht rechnet sich bereits im Hier und Jetzt: Seit der Gründung im Jahr 2020 hat Tomorrow Biostasis rund 6 Mio. € eingesammelt, zuzüglich Spendengeldern. Etwa 1.000 Personen haben sich bisher dafür entschieden, im Todesfall von dem Berliner Start-up kryokonserviert zu werden.
Alles, was wir tun können, ist, wissenschaftlich, rechtlich und finanziell die Chancen zu erhöhen, dass Kryokonservierung gelingt.
Emil Kendziorra
Gründer Kendziorra spricht schnell und sachlich, wenn er die Idee hinter Tomorrow Biostasis skizziert: Sobald ein Kunde verstirbt, rückt das Team aus, um den Leichnam schnellstmöglich zu konservieren. «Ab dann steht die Zeit für die nächsten 10, 50, 100 Jahre quasi still», sagt Kendziorra. Er ist Mediziner, aber auch mehrfacher Gründer. Tomorrow Biostasis ist sein jüngstes Projekt – und jenes, das ihn länger beschäftigen wird als alles zuvor, sagt er. Als CEO verantwortet er die strategische Ausrichtung des Unternehmens, aber auch die Infrastruktur für das operative Tagesgeschäft. Kendziorra ist überzeugt davon, dass viele Menschen die Chance auf ein längeres Leben nutzen würden: «Und die, die das nicht wollen, machen es eben nicht.»
Etwa fünfmal im Jahr rückt das Team von Tomorrow Biostasis aus, um eine Kryokonservierung vorzunehmen. Der Alltag sieht anders aus: An den meisten Tagen betreiben die Mitarbeiter Grundlagenforschung, halten die Krankenwagen und Geräte in Schuss; und führen – ähnlich wie in der Notfallmedizin – regelmässig Simulationen durch. Als Forbes das Start-up in Berlin-Mitte besucht, unweit der Spree, bereitet eine Krankenpflegerin ein Fahrzeug für die nächste Übung vor. Wie hat sie ihr Weg zu dem Kryonik-Start-up geführt? Die Arbeit mit schwerkranken Patienten im Krankenhaus belastete sie in ihrem vorangehenden Job zunehmend, erzählt sie. Bei Tomorrow Biostasis ist sie nun dafür zuständig, die Kryokonservierung der bereits verstorbenen Kunden zu betreuen. 30 Personen haben diese Leistung schon in Anspruch genommen. Um dafür infrage zu kommen, zahlen Interessierte einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 50 €. Um die Kryokonservierung durchzuführen, werden einmalig 200.000 € fällig. «Viele finanzieren das über eine Kapital- oder Risikolebensversicherung», so Gründer Kendziorra.
Sobald eine der gelisteten Personen verstirbt oder deren Ableben absehbar ist, reist das Team an. Nachdem ein Arzt den Tod rechtlich feststellt, setzt es alles daran, das eintretende Zellsterben aufzuhalten. Anders als es die meisten Schlagzeilen suggerieren, wird der Leichnam dazu nicht eingefroren. «Wir versuchen, genau das zu verhindern», sagt Kendziorra. Zwar wird der Körper nach dem Eintreten des Todes heruntergekühlt. Doch der als «Vitrifizierung» bezeichnete Prozess (der auch bei der Kryokonservierung von Eizellen eingesetzt wird, Anm.) versetzt das Gewebe in einen glasartigen, nicht kristallinen Zustand. Dazu führt das medizinische Team eine Herzdruckmassage durch, verabreicht hochkonzentrierten Sauerstoff sowie Medikamente und tauscht Blut und Körperwasser gegen Kryokonservierungsmittel aus. Ähnlich «einem Frostschutzmittel beim Auto» soll es verhindern, dass Eiskristalle entstehen, die den Körper schädigen würden. Anschliessend überführt Tomorrow Biostasis den kryokonservierten Leichnam in die Schweiz – anders als in anderen europäischen Ländern, wo strenger Friedhofszwang gilt, kann das Start-up wissenschaftliche Körperspenden dort auf unbestimmte Zeit aufbewahren.
Was Kendziorra antreibt, ist die Sehnsucht nach unbegrenzter Zeit – und der Frust über Fortschritt, der viel zu lange auf sich warten lässt. Noch zu Schulzeiten entschied er sich, Medizin zu studieren, um besser zu verstehen, wie ein Menschenleben ausgedehnt werden kann. «Ich fand die Idee, zu sterben, schon in sehr jungen Jahren nicht gerade grossartig», sagt er. «Diese Meinung habe ich bis heute nicht geändert.» Als Kendziorra später in der Krebsforschung tätig war, erlebte er mit, wie Ärzte jungen Menschen mitteilen mussten, dass sie nur noch wenige Monate zu leben hätten. In ihm reifte die Überzeugung, dass Kryokonservierung die einzige realistische Brückentechnologie zu einer Zukunft ist, in der unheilbare Krankheiten geheilt werden können. «Die Krebsforschung erhält zwar gigantische Summen», so Kendziorra, «aber die maximale Lebenszeit konnten wir noch um kein Jahr verlängern.» Das stimmt bedingt: Während die durchschnittliche Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten in die Höhe geklettert ist, steigt die maximale Lebensdauer (das Höchstalter, das ein Mensch erreichen kann) nur langsam an – deutlich zu langsam für Kendziorra, der vor allem durch die Brille des Individuums blickt. Also beschloss er, den Durchbruch der Kryokonservierung – ein Zwischenschritt in Richtung Langlebigkeit – auf unternehmerischem Weg voranzutreiben.
Wer in Kendziorra einen Idealisten vermutet, ist überrascht, einen erfahrenen Gründer zu treffen. Sein erstes Unternehmen, eine Agentur für Enterprise Development, stellte Kendziorra bereits während des Studiums auf die Beine. Danach folgte ein Datenanalyse-Unternehmen, das er an den texanischen Anbieter für Umfragetools Question Pro verkaufte. Mit dem dritten Start-up, einem Medtech-Unternehmen namens Medlanes, vermittelte Kendziorra ärztliche Video-Sprechstunden und Hausbesuche. Der britische Anbieter für digitale Gesundheitsleistungen Zava erwarb das Start-up 2020, um seinen Fussabdruck in Deutschland zu vergrössern. Während Kendziorras Mitgründer als Managing Director an Bord blieb, verliess Kendziorra selbst das operative Management des Start-ups bereits Ende 2019, um sich auf sein aktuelles Projekt zu konzentrieren. «Früher hatte ich das Bedürfnis, nach ein paar Jahren etwas Neues anzufangen», sagt er, «aber die Faszination für Kryonik bleibt.» Der Seriengründer suchte elf Monate lang nach einem Mitgründer, bis er ihn in Azevedo Pinheiro fand. Der ehemalige Planungsingenieur hatte selbst Start-up-Erfahrung bei Rocket Internet in Südafrika und Brasilien gesammelt.
Das Start-up besteht aus drei formal getrennten Gesellschaften: Als Grundstein gründete Kendziorra 2019 die gemeinnützige Schweizer Stiftung European Biostasis Foundation – sie finanziert die Forschung und verantwortet die Lagerung der Kryokonservierten. Wenige Monate später folgte die deutsche Tomorrow Biostasis GmbH, die für das Tagesgeschäft zuständig ist. «Damit operieren wir in Start-up-Geschwindigkeit», sagt ihr Gründer. 2023 kam eine dritte Säule hinzu: Eine privatnützige Asset-Management-Stiftung verwaltet die Gelder der kryokonservierten Personen, denn der gemeinnützige Status für die Aufrechterhaltung von Kryokonservierung ist rechtlich unklar. Profit aus der Kryokonservierung wollen die Gründer nicht ziehen – zumindest, solange es keine allgemein anerkannten Qualitätsmetriken gibt, um Fehlanreize zu vermeiden. Das hält Kendziorra nicht davon ab, mögliche Zukunftsszenarien durchzuspielen. Dazu gehört auch der Gang an die Börse – «aber nur mit starken Founder-Voting-Rights nach Vorbild von Google und Facebook», so Kendziorra.
Doch wer investiert in ein Start-up, dessen Erfolg sich, sofern er überhaupt eintritt, möglicherweise in 100 oder 200 Jahren materialisiert? Kendziorra spricht von Family Offices, Ultra-High-Net-Worth Individuals und Limited Partners anderer Fonds, die in ihrem Portfolio noch wenige Prozent für langfristige Investitionen übrig haben. Investiert sind laut dem Gründer zehn deutsche Unicorn-Gründer, aber auch der erste CTO von Spotify, Andreas Ehn, und einer der beiden Skype-Gründer. Viele der Investoren sind Mitglieder. Die breite Masse erreicht Tomorrow Biostasis damit nicht – und es ist auch unklar, ob das dem Geschäftsmodell zuträglich wäre. «Unsere Kunden haben ein Haus, eine Lebensversicherung; und fragen sich, welche Absicherung sie noch vornehmen können», sagt der Gründer – und fügt an: «Viele haben eine intrinsische Motivation, andere wollen einfach zu unserer nächsten Dinnerparty eingeladen werden.» Möglicherweise steckt hinter dem Interesse etwas viel Profaneres als die Sehnsucht nach dem ewigen Leben – der Wunsch, Teil eines innovativen und exklusiven Zirkels zu sein.
Im Fall der meisten Tomorrow-Biostasis-Mitglieder existieren Lebensversicherungen, in denen das Start-up als Begünstigter vermerkt ist. Etwa 40 % der Kunden stammen aus dem DACH-Raum, ebenso viele aus dem restlichen Europa; die verbleibenden 20 % aus Florida, New York und Kalifornien, den drei US-Standorten, an denen das Start-up ebenfalls operiert. Anfangs kostete die monatliche Mitgliedschaft 25 €. «Aber wir erhöhen auf das, was der Markt hergibt», sagt Kendziorra. Neben der regulären Mitgliedschaft bestehen aktuell ca. zwei Dutzend bedarfsorientierte Verträge zum symbolischen Beitrag von 1 € monatlich, für Studenten und Arbeitssuchende. Der Gründer lässt offen, in welche Richtung sich die Preise entwickeln werden: «Wenn sich bessere, aber teurere Technik durchsetzt, werden sie möglicherweise steigen», sagt Kendziorra; «wenn mehr Menschen die Entscheidung zur Kryokonservierung treffen, werden sie sinken.»
Wenn Kendziorra über Umsätze spricht, ist er durch und durch Geschäftsmann: Tomorrow Biostasis soll etwa künftig eigene Risikolebensversicherungen offerieren. Ausserdem will er seinen Kunden anbieten, ihr Vermögen bis zu ihrer möglichen Rückkehr zu verwalten. «Mit einer Zielrendite über 2 %, angelegt in globale ETFs mit Tech-Fokus», so der Gründer. Rechtlich wirft das viele Fragen auf – doch sie betreffen auch die Kryokonservierung selbst. In Deutschland ist sie als Körperspende eingeordnet. Doch was passiert, wenn Gesetzgeber im Bundestag, in der Schweiz oder der EU das ändern? «Alles, was wir tun können, ist, wissenschaftlich, rechtlich und finanziell die Chancen zu erhöhen, dass Kryokonservierung gelingt», so Kendziorra. Für den Fall, dass die konservierten Personen nicht mehr in Europa aufbewahrt werden dürfen, hat das Start-up eine Vereinbarung mit einem australischen Unternehmen getroffen. Juristische Präzedenzfälle gibt es kaum.
Doch das ist nicht die einzige Herausforderung: Noch existiert keine Methode, um den Körper aufzuwärmen, ohne dass dabei schädliche Eiskristalle entstehen. Gemeinsam mit Professoren aus Spanien wird das Start-up hierzu im Mai eine Tochtergesellschaft gründen – auch in der Hoffnung, Erkenntnisse für die Transplantationsmedizin zu gewinnen. Verkauft Tomorrow Biostasis Hoffnung, die nicht einlösbar ist? Kendziorra sieht das pragmatisch: «Wer sich einäschern lässt, dessen Chancen auf ein zweites Leben liegen bei null – bei der Kryostase liegen sie zumindest darüber.»
Fotos: Franz Grünewald