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Thomas Kehl weiss, wie Interessenkonflikte in der Finanzbranche funktionieren – er hat sie als junger Vertriebler selbst erlebt. Heute will er mit Finanzfluss, dem grössten deutschsprachigen Youtube-Kanal zum Thema Finanzen, seine Zuseher zu „finanziellen Selbstentscheidern“ machen. Doch das Vertrauen, das er aufgebaut hat, ist längst zur Zielscheibe geworden.
„Hi, mein Name ist Thomas von Finanzfluss“: So hat Thomas Kehl in den vergangenen Jahren unzählige Videos auf Youtube begonnen. Wer sein Geld selbst am Kapitalmarkt anlegen möchte, stösst bei der Suche nach Informationen schnell auf die Videos von Finanzfluss – wer etwa „Investieren mit ETF“ in der Suchmaske der Videoplattform Youtube eingibt, bekommt unter den ersten sieben organischen Suchergebnissen, also ausgenommen Werbeanzeigen, fünf Videos von Finanzfluss angezeigt. Was 2015 als sogenannter „Side Hustle“ von Thomas Kehl und seinem Mitgründer Arno Krieger begonnen hat, ist mittlerweile zur grössten Finanzbildungsplattform im deutschsprachigen Raum herangewachsen. Über alle sozialen Netzwerke hinweg kommen die Kanäle von Finanzfluss auf über 2,5 Millionen Abonnenten; allein auf Youtube wurden die Videos von Finanzfluss über 300 Millionen Mal aufgerufen.
Als Forbes das Büro in Berlin-Kreuzberg betritt, fallen die Polaroid-Bilder von Teammitgliedern an der Wand auf, bei denen Start-up-Flair aufkommt. „Das ist leider nicht vollständig, da haben nicht mehr alle Platz“, lacht Kehl. Inzwischen ist aus dem Youtube-Kanal mit Themen rund um Finanzbildung ein Unternehmen mit über 60 Mitarbeitern geworden. Derzeit laufen die Bauarbeiten, um die Bürofläche zu vergrössern, erzählt Kehl bei einem Rundgang durch das Büro.
Neben Videos und Livestreams bietet Finanzfluss auch verschiedene Ratgeber und Vergleiche auf seiner Webseite an, von Girokonten, Kreditkarten und Depots bis zur Haftpflichtversicherung. Mit „Finanzfluss Copilot“ können Nutzer ihre Ausgaben und ihre Investments tracken. Seit dem vergangenen Jahr gibt es mit dem wochentäglichen Podcast „Im Loop“ auch ein journalistisches Angebot mit dem Fokus auf Wirtschaft.
An der Tankstelle siehst du, wie teuer der Sprit ist. Im Finanzbereich ist das nicht so.
Thomas Kehl
Der Umsatz liegt im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, genauer will Kehl es auf Nachfrage nicht kommentieren. „Unser wichtigstes Asset ist Vertrauen. Das wollen wir nicht verspielen“, so der Finanzfluss-Mitgründer. Doch das Risiko ist hoch: Die grösste Einnahmequelle des Unternehmens – Provisionen von Anbietern über Affiliate-Links – könnte finanzielle Anreize schaffen, nicht die besten, sondern die einträglichsten Produkte zu empfehlen.
Kehl weiss, wie Interessenkonflikte in der Finanzbranche funktionieren; er hat sie selbst erlebt. Er kämpft zudem mit externen Angriffen auf seine Glaubwürdigkeit: Betrüger nutzen das Vertrauen in die Marke und ihn selbst, um Menschen mit Scams mitunter um fünfstellige Beträge zu bringen. Um sich und seine Community davor zu schützen, zieht Kehl gegen den Social-Media-Giganten Meta nun vor Gericht. Der Vorwurf: Fake-Profile auf Facebook und Instagram bleiben viel zu lange online, auch nachdem sie gemeldet wurden.
Die Finanzbranche war schon immer ein berufliches Ziel für Thomas Kehl: Noch in der Schulzeit absolvierte der Saarländer mit französischen Wurzeln ein Praktikum in einer Bank; nach dem Abitur wollte er an die Frankfurt School of Management, doch es verschlug ihn in einen Strukturvertrieb. Er verkaufte dort Finanzprodukte wie Investmentfonds und Lebensversicherungen. Das Kernproblem dieser häufig als „Drückerkolonnen“ verrufenen Strukturen, so erklärt es Kehl, ist ein Vergütungsmodell ohne Fixgehalt, das auf Abschlüsse angewiesen ist – mit einem Produktpool, den das Unternehmen vorgibt, und Kosten, die nirgends explizit draufstehen. „An der Tankstelle siehst du, wie teuer der Sprit ist; beim Bäcker steht dort, was das Brötchen kostet. Im Finanzbereich ist das nicht so“, sagt Kehl. Der Berater muss also Produkte verkaufen – im Idealfall die mit der höchsten Provision.
Heute geht Kehl mit dieser Zeit offen und selbstkritisch um. Auch im eigenen Familien- und Freundeskreis vertrieb er Produkte. Kehl: „Mir war nicht bewusst, wie wichtig Kosten sind; mir war nicht bewusst, wie teuer diese Produkte sind und was es für Alternativen gibt.“ Ob diese Erfahrungen wichtig gewesen seien,
für alles, was bei Finanzfluss später folgte? „Klar, es ist auf jeden Fall ein Vorteil gewesen, zu sehen, wie Retail-Beratung stattfindet“, sagt Kehl.
Auch auf das Drängen seiner Mutter hin entschied sich Kehl nach rund drei Jahren doch für ein duales Studium. Neben dem Wirtschaftsstudium an der Frankfurt School of Finance machte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann und dann einen Master an der ESCP Business School in Paris. Nach dem Studium arbeitete Kehl zwei Jahre lang als Analyst bei der französischen Investmentbank Natixis und war spezialisiert auf M&A-Transaktionen.
Finanzfluss begann 2015 – noch in der Studienzeit – als Nebenprojekt: Kehl absolvierte ein Praktikum in Jordanien, als er und sein späterer Mitgründer Arno Krieger per Telefon beschlossen, einen Youtube-Kanal über persönliche Finanzen aufzubauen. Das erste Video hiess „Was ist der DAX?“ – eine Fehlannahme über das Google-Suchvolumen, wie Kehl heute zugibt: Wer den Aktienindex googelt, will den Punktestand, keine Erklärung. 2019 standen sie mit Finanzfluss an einem Scheideweg: Finanziell konnten sie ihre Lebenshaltungskosten mit dem Kanal decken. Krieger wollte seinen Job in London kündigen, Kehl wäre gerne noch länger in der Bank in Paris geblieben. „Ich war noch nicht so am Zenit meiner Lernkurve“, sagt er. Aber er meinte zu Krieger: „Es macht keinen Sinn, dass du es alleine machst, wir machen es zu zweit.“ Sie gründeten die Finflow GmbH und wählten Berlin als neuen, gemeinsamen Standort.
Als Kehl und Krieger Videos über ETFs veröffentlichten, tauchte in den Kommentaren immer wieder dieselbe Frage auf: Wo kauft man die eigentlich? Also filmte Kehl, wie man beim Online-Broker Comdirect einen ETF kauft – weil er dort selbst Kunde war. Über einen Link konnten Zuseher dann direkt ein Depot eröffnen. „Das hat extrem gut funktioniert, und da haben wir gesehen: Wir können Inhalte redaktionell erstellen und gleichzeitig monetarisieren“, so Kehl. Aus diesem einen Affiliate-Link ist heute die grösste Einnahmensäule des Unternehmens geworden: Klickt ein Nutzer über einen Finanzfluss-Vergleich auf einen Broker und eröffnet ein Depot, erhält das Unternehmen eine Provision. Daneben fliessen Einnahmen aus Youtube-Werbung und Sponsorings in Newsletter und Podcast.
Affiliate-Provisionen erzeugen einen Interessenskonflikt, den Kehl selbst benennt: Wessen Kriterien entscheiden, welcher Broker vorne steht, welche Rolle spielt die Provision? Finanzfluss hat sich hier wie traditionelle Medienhäuser aufgestellt: Redaktion und Monetarisierung sind strikt getrennt. Zu jedem Produktvergleich gibt es ein öffentlich einsehbares Transparenzdokument mit Scoring-System. Anbieter ohne Affiliate-Vertrag werden trotzdem gelistet.
Das geschaffene Vertrauen in die Marke wird von Betrügern auf Facebook und Instagram missbraucht: Fake-Profile geben sich als Finanzfluss aus, leiten Nutzer in Whatsapp-Gruppen und geben dort gefälschte Investmentempfehlungen. Häufig werden dann die Opfer in sogenannte Pump-and-Dump-Schemes getrieben – einen Marktmanipulationsbetrug, bei dem künstlich Kurse nach oben getrieben werden, bevor die Betrüger ihre Positionen abstossen. Die Opfer erleiden dabei häufig hohe Verluste. Ab Sommer 2024 beschleunigte sich das Ausmass: täglich neue Fake-Profile, stunden- oder tagelang aktiv. Zeitweise sperrte Meta sogar den echten Finanzfluss-Account. Eine aussergerichtliche Einigung mit Meta scheiterte.
Ein Betrugsopfer meldete sich direkt bei Kehl – die Person hatte mit Aktien Geld verloren, die ihm „Thomas Kehl“ per Whatsapp empfohlen hatte. Kehl: „Dann schickt er mir Screenshots, wo er mit einem ‚Thomas Kehl‘ auf Whatsapp geschrieben hat.“ Kehl gehen diese Fälle nahe; bis zu 70.000 € haben einzelne Betrugsopfer verloren. Interne Meta-Dokumente, die von Reuters untersucht wurden, belegen das Ausmass: Der Konzern hatte intern projiziert, rund 10 % des Jahresumsatzes 2024 – ungefähr 16 Mrd. US-$ (13,6 Mrd. €) – aus Anzeigen für Scams und verbotene Produkte zu erzielen. Regulatorische Strafen hatte Meta als günstiger einkalkuliert als den Einnahmeausfall, wenn diese Werbungen nicht verkauft worden wären. Inzwischen liegt das Verfahren beim Landgericht Frankfurt. Der Justizfall bezieht sich dabei nicht auf die Betrugsbekämpfung, sondern die Persönlichkeitsrechte von Kehl – davon erhofft sich sein Team höhere Chancen. Kehls Ziel, auch für andere Betroffene: Meta solle nicht erst auf Meldungen reagieren, sondern präventiv tätig werden müssen. Forbes hat Meta um eine Stellungnahme zu dem Verfahren und dem Problem mit Betrugsmaschen auf den Plattformen gebeten – bis Redaktionsschluss aber keine Antwort erhalten.
Finanzfluss hat nie Venture Capital aufgenommen. „Ich bin sehr froh, dass wir nicht irgendwelche Wachstums-Targets erreichen müssen“, so Kehl. Damit können neue Projekte auch die Zeit bekommen, die sie brauchen; etwa der Versicherungsservice, der sich aktuell im Aufbau befindet. „Wir können langfristig denken. Wir müssen jetzt nicht auf Teufel komm raus schnell live sein“, sagt Kehl darüber. Das erste Projekt war ein Vergleich von privaten Haftpflichtversicherungen, bei dem Nutzer eine Versicherung direkt über Finanzfluss abschliessen können. Die Berater erhalten ein reines Fixgehalt, keine Provision. Ein interner Kodex definiert, was die Finanzfluss-Tochtergesellschaft als Makler tut – und was nicht. Zudem habe man so die Möglichkeit, an die nötigen Informationen für einen transparenten Vergleich zu gelangen.
„Finanzfluss Copilot“ – eine App, die Nutzern Überblick über Ausgaben und Investments gibt – behandelt Kehl als Wachstumsinvestition ohne kurzfristigen Renditedruck. Rentabel ist die App noch nicht. „Wir reinvestieren, was wir verdienen. Wir haben damit unseren eigenen kleinen VC-Fonds“, meint er. Der im August 2025 gestartete tägliche Wirtschafts- und Nachrichtenpodcast „Im Loop“ unter der Leitung von Chefredakteurin Mary Abdelaziz-Ditzow, die Finanzfluss vom Nachrichtensender Ntv holte, schlägt eine Brücke zwischen Finanzbildung und täglichem Wirtschaftsgeschehen. Dass Finanzfluss ausgerechnet in einer Phase ein journalistisches Produkt aufbaut, in der klassische Redaktionen Stellen abbauen, beschreibt Kehl nicht als strategische Entscheidung: Er sei vielmehr seit Jahren Fan ihrer Arbeit, weil Abdelaziz-Ditzow trotz Zeitmangel und Publikationsdruck Tiefe in die Inhalte bringe. Kehl: „Sie bringt Kompetenzen mit, die wir nicht haben.“ Werbung gibt es im Podcast bisher nicht; Wachstum sei zunächst das Ziel.
Bei anderen Projekten zeigt Kehl sich selbstkritisch: „Wir haben ein grosses Fokusproblem. Wir machen zu viele Dinge.“ Deshalb wurde unter anderem das Bewertungsportal für Finanzanbieter eingestellt. Vor einem Jahr holte man einen Gesellschafter an Bord, um sich auf strategischer Ebene weiterzuentwickeln – Fabian Spielberger, Mitgründer der Plattform Mydealz, übernahm 11 % des Unternehmens. Details zum Kaufpreis nennt Kehl nicht. Spielberger kenne das Community-Modell aus eigener Erfahrung, Mydealz sei ähnlich aufgebaut. „Er blickt von aussen sehr gut auf die Firma und weiss, welche Schwachstellen es gibt, an denen man arbeiten muss“, so Kehl. So soll die Vision von Finanzfluss weiterwachsen – Menschen dazu zu bringen, selbst über ihre Finanzen zu entscheiden. Aber hätte der 20-jährige Strukturvertriebler Thomas Kehl damals Finanzfluss-Videos gesehen – hätte er die Produkte trotzdem verkauft? Kehl überlegt kurz: „Wenn ich gesehen hätte,
dass es bessere Alternativen gibt, hätte ich mich auch für andere Dinge eingesetzt.“
Fotos: Franz Grünewald