Mit dem FORBES-NEWSLETTER bekommen Sie regelmässig die spannendsten Artikel sowie Eventankündigungen direkt in Ihr E-mail-Postfach geliefert.
Agit Kabayel hat sich aus einfachen Verhältnissen nach ganz oben gekämpft. Jetzt winkt dem Bochumer Schwergewichtsboxer ein Jahrhundertkampf gegen den ukrainischen Weltmeister Oleksandr Usyk. Was können Unternehmer von Kabayel lernen?
Es ist kurz nach Mitternacht, als der müde Kämpfer in den Katakomben der Rudolf-Weber-Arena in Oberhausen erscheint. Agit Kabayel hat vor wenigen Stunden den grössten Triumph seiner Laufbahn errungen: Er hat in der dritten Runde Herausforderer Damian Knyba aus Polen besiegt – durch einen technischen K. o. Nun will er die Fragen der Reporter beantworten. Über dem rechten Auge hat der Schwergewichtsboxer eine Platzwunde, die zwar mit zwei Stichen genäht wurde, aber noch immer geschwollen ist. Die Blessur ist der Beweis, dass beim Boxen oft nur ein paar Millimeter Haut und Gewebe über Sieg oder Niederlage, Ruhm oder Rückschlag entscheiden.
Während des Fights hatten die rund 13.000 Besucher immer wieder „Agit, Agit!“ skandiert. Dutzende kurdische Fahnen waren auf den Rängen zu sehen – hier und da auch ein paar Deutschland-Flaggen. Gleich in der ersten Runde traf Gegner Knyba den Bochumer an der Augenbraue, Blut rann über Kabayels Wange – ein Schreckmoment für das Publikum. Ein starkes Anschwellen der Augenhöhle hätte Kabayel kampfunfähig gemacht.
In diesem Moment, so erzählt Kabayel, habe er sich gedacht: „Du machst dir gerade alles selbst kaputt. Lass das nicht zu. Reiss dich zusammen!“ Das war auch der Kern der Botschaft seines Trainers und Mentors Sükrü Aksu, der Kabayel schon für eine Karriere als Profiboxer trainierte, als dieser 17 Jahre alt war. Kabayel fand neue Kraft. Er kämpfte sich zurück, verpasste seinem Gegner in Runde drei einen knallharten Schwinger, setzte mit einem Schlaghagel nach. Der Gegner schwankte; unfähig, sich zu schützen. Der Ringrichter brach den Kampf ab und erklärte Kabayel zum Sieger. Für den Boxer war es der 27. Erfolg in einem Profikampf.
Der Fight Anfang Jänner markierte den Beginn einer „neuen Ära“ des deutschen Boxens. Schon zuvor hatte Box-Ikone Henry Maske erklärt, Kabayel habe das Zeug, in Max Schmelings Fussstapfen zu treten; er könne selbst eine Legende werden. Und Kabayel ist seinem Traum, der weltbeste Schwergewichtsboxer zu sein, nun einen grossen Schritt näher gekommen.
Nicht nur in Deutschland erlebt Boxen gerade ein Comeback – weltweit wird die Sportart, die lang als Relikt einer vergangenen Epoche galt, immer populärer und spricht vor allem ein junges Publikum an. Vor zehn Jahren schaffte es Boxen in den USA nicht einmal unter die Top Ten der beliebtesten Sportarten; heute liegt der Sport laut dem Meinungsforschungsinstitut Harris Poll an vierter Stelle: hinter Football, Baseball und Basketball, aber noch vor Mixed Martial Arts (MMA).
Die im viktorianischen England wurzelnde Traditionssportart, die im Vergleich zu MMA immer noch wie ein Wettkampf unter Gentlemen wirkt, erfindet sich gerade für die Generation Youtube und die Influencer-Ökonomie neu. Das liegt auch an Prominenten wie Jake Paul, der als Youtuber eine riesige Fangemeinde mitbringt. Der ehemalige UFC-Kämpfer stieg gegen Boxlegende Mike Tyson in den Ring; im vergangenen Dezember erlitt er in einem Kampf gegen den britischen Schwergewichtler Anthony Joshua einen doppelten Kieferbruch.
Wichtiger als das Ergebnis oder der sportliche Wettbewerb schien aber das Spektakel, das Paul für seine Plattformen ausschlachten konnte. Netflix übertrug live, die Kampfbörse lag bei rund 160 Mio. US-$ (138 Mio. €) – etwa die Hälfte ging als Prämie an Joshua.
Jake Pauls Promotion-Firma arbeitet eng mit der Streaming-Plattform DAZN zusammen, die sich als „Home of Boxing“ vermarktet und den Hype um den Sport bewusst befeuert – auch den Hype um Agit Kabayel. Nach dem Boxkampf in Oberhausen erklärte Alice Mascia, CEO bei DAZN Deutschland und eine der mächtigsten Frauen in der Welt des Sportbusiness: „Abende wie dieser zeigen, welches Potenzial Premium-Boxveranstaltungen in diesem Land wieder haben.“ Der Fight war die beste Performance eines Boxkampfs auf DAZN im deutschsprachigen Raum.
Zwei Wochen vor dem Kampf: Kabayel gibt im Interview mit Forbes Einblicke in seine Welt und seine Karriere. Die Geschichte des 33-Jährigen zeigt: Der wuchtige Mann, der im Gespräch überraschend sanft und nahbar wirkt, ist eine widersprüchliche Identifikationsfigur. Einerseits steht er für die Hoffnung, dass Deutschland endlich wieder einen globalen Superstar im Boxsport präsentieren kann, einen echten Sohn des Ruhrpotts, der allein durch seine Herkunft Multikulturalismus und Maloche verkörpert. Zum anderen hat sich Kabayel lang nicht ganz akzeptiert gefühlt.
Er ist ein Arbeiter. Keiner hatte den Willen, den Agit hat.
Sükrü Aksu
Kabayel boxte bereits in Saudi-Arabien gegen andere Weltklasse-Athleten und begeisterte Millionen Fans, unter ihnen globale Superstars wie Cristiano Ronaldo. Doch auf eine Einladung in eine deutsche Talkshow wartete er lang vergeblich. Dass ihn das Gefühl der Geringschätzung mehr schmerzte als ein Leberhaken, wird auch in den Katakomben der Arena nach seinem grössten Erfolg deutlich: „Deutschland muss akzeptieren, dass auch jemand mit Migrationshintergrund Deutschland repräsentieren kann“, sagt Kabayel.
Der Weltklasseboxer ist tief in der kurdischen Einwanderer-Community verwurzelt. Seine kurdischen Eltern stammen aus der türkischen Provinz Kahramanmaras und betrieben in Wattenscheid eine Bäckerei und einen Dönerladen. Auch Kabayel half dort zeitweise aus und schnitt sich bei einem Unfall mit einem Messer sogar eine Fingerkuppe ab. Das Geld war oft knapp, aber Kabayel sagt, er und seine drei Geschwister hätten sich nicht arm gefühlt.
In einem seiner ersten Kämpfe – damals noch im Kickboxen – fiel er seinem künftigen Trainer Sükrü Aksu auf, allerdings nicht nur positiv. Kabayel sei „klein“ und „dick“ gewesen, erinnert sich der Coach – doch er hatte Mut und ging dorthin, wo es wehtut. Aksu sagt, er habe viele herausragende Boxer trainiert, aber vielen habe es an Disziplin gemangelt, um es an die Weltspitze zu schaffen. Was Kabayel von anderen unterscheidet? „Er ist ein Arbeiter. Keiner hatte den Willen, den Agit hat“, sagt Aksu.
Dass Kabayel trotz der Maloche schon damals eine Aura hatte, mit der er andere für sich einnehmen konnte, beweist eine Anekdote aus seiner Zeit als Auszubildender im Gleisbau: Vor einem Fight nahmen ihm die Kollegen die härteste körperliche Arbeit ab und sägten für ihn Holz oder Stahl zurecht – damit er seine Arme schonen konnte.
Den vakanten EM-Gürtel gewann Kabayel vor drei Jahren – auch damals durch technischen K. o. in der dritten Runde – gegen den Kroaten Agron Smakići in seiner Heimatstadt Bochum. Zum globalen Star wurde er im vergangenen Februar, als er in Riad den Chinesen Zhilei Zhang durch Knock-out besiegte und WBC-Interims-Weltmeister im Schwergewicht wurde. Auch damals bewies er seine Resilienz: Kurzzeitig lag er auf den Brettern, kämpfte sich aber Runde für Runde zurück, zermürbte den Koloss aus China, bis der keine Kraft mehr hatte. Dass er nun in seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, den nächsten Triumph feiern konnte, bedeutet Kabayel umso mehr: „Ich hätte nie gedacht, dass meinetwegen einmal die Arena in Oberhausen ausverkauft ist.“
Doch der Sportler musste auch schwere Zeiten überstehen. Während der Coronapandemie fürchtete Kabayel, alles zu verlieren: Als im Frühjahr 2020 Sportevents und Veranstaltungen abgesagt wurden, erlebte er „eine ganz schwierige Zeit“, wie er dem Sender DAZN erzählte. Nach einem Fight gegen Andrii Rudenko im März 2019 stagnierte sein Aufstieg. Entgegen seinen Erwartungen bekam er keine neuen Gegner und somit auch keine neuen Einnahmen. Kabayel sagt, die Situation damals habe ihn mental schwer belastet; als hätte er ohne Deckung eine satte Rechte abbekommen. Nach der Pandemie absolvierte er nur vier Kämpfe in vier Jahren, er hatte Existenzängste, in einer Zeit, als seine Frau mit seiner Tochter schwanger war. Heute sagt er: „Geld ist nicht alles. Was zählt, sind deine Familie und die Leute in deinem Umfeld.“ Er sei einfach froh, seine Familie ernähren zu können. Luxus gönnt er sich in Form von teuren Uhren und Urlauben in Dubai.
Erst in den vergangenen drei Jahren brachten die Kämpfe Kabayel auch kommerziellen Erfolg. Die Kampfbörsen lagen selbst bei seinen hochkarätigen Fights „nur“ im sechsstelligen Bereich. Sein Freund Tyson Fury ist ein Topverdiener unter den Schwergewichtsboxern – er erwirtschaftete im Verlauf seiner Karriere rund 250 Mio. US-$. Kabayel hat erst seit Kurzem die Millionengrenze geknackt.
Kabayel sieht sich generell aber als Unternehmer, er hat in ein Autohaus investiert, in Immobilien; und er will als Topathlet und Leistungsträger mit Vorträgen über Motivation auch Entscheider aus der Welt der Wirtschaft erreichen. Was können Unternehmer und Gründer von jemandem wie Kabayel lernen?
„Ich bin Vollblutsportler“, sagt er. Und: „Erfolg ist nie eine gerade Linie. Dir werden immer Steine in den Weg gelegt – darum muss man immer an seine Ziele glauben.“ Dass diese Worte von einem Mann stammen, der in seinen wichtigsten Kämpfen immer wieder kurz vor der Niederlage stand, dann aber doch ein Comeback schaffte, macht Kabayels Botschaften umso authentischer.
Eine weitere Lektion ist die Bedeutung eines stabilen Umfelds für den Erfolg. Kabayel ist Familienmensch, er zieht sich nicht in ein Trainingslager zurück, sondern will jeden Tag seine Frau, seine kleine Tochter und die Eltern um sich haben. Der Boxer hatte mit seinen Einkünften den Kredit des Vaters getilgt. Nun wohnt er mit seinen Eltern im selben Haus.
Für DAZN-Chefin Mascia, die Kabayel nach dessen Kampf in Oberhausen noch im Ring beglückwünschte, ist der Bochumer die Zukunft des Boxsports – und eine Art strategisches Asset, um die Bindung des Publikums an den Sender und dessen Kosmos zu stärken: „Boxen lebt von sportlicher Intensität, starken Persönlichkeiten und grossen Geschichten – genau diese Dinge bringt Agit mit und begeistert damit eine breite Zielgruppe“, sagt die Topmanagerin. Denn: „Agit ist eine starke nationale deutsche Identifikationsfigur und hat gleichzeitig die grosse kurdische Community hinter sich.“ Diese Mischung verleihe dem Schwergewichtsboxen in Deutschland wieder eine Dynamik und breite Akzeptanz, die über Jahre gefehlt hätten.
Dass es zu dem Mega-Kampf gegen den aktuell weltbesten Schwergewichtsboxer Oleksandr Usyk aus der Ukraine kommen wird, gilt als sicher. Das World Boxing Council (WBC) hat angeordnet, dass der 39-jährige Usyk nach einer freiwilligen Titelverteidigung gegen Kabayel boxen muss – als möglicher Austragungsort wird das Stadion in Düsseldorf gehandelt. „Ich denke, ich habe mir diesen Kampf verdient“, sagt Kabayel.
Als er nach seinem Kampf in Oberhausen die Arena verlässt, haben sich vor den Toren noch ein paar Fans versammelt. „Agit, Agit!“, rufen sie dem Champion hinterher, als der in ein Auto steigt und in der kalten Nacht verschwindet. Er fährt nach Hause, zu seiner Familie nach Bochum, gleich nebenan. In wenigen Tagen ist der Cut über dem Auge verheilt, und Agit ist zurück im Training. Dann schuftet der Malocher weiter für seinen grossen Traum.
Fotos: Felix Leichum