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Aktien von OpenAI oder Anthropic sind für Privatanleger bislang kaum zugänglich. Auf eBay entsteht deshalb ein ungewöhnlicher Sekundärmarkt: Für gebrauchte Hoodies, Mitarbeiter-Shirts und Werbeartikel der KI-Unternehmen zahlen Käufer teilweise Hunderte US-Dollar.
Anteile an OpenAI oder Anthropic können gewöhnliche Anleger vor einem möglichen Börsengang nicht einfach kaufen. Manche investieren daher zumindest in ein sichtbares Symbol der beiden KI-Unternehmen: gebrauchte T-Shirts, Sweatshirts, Kappen und andere Werbeartikel, die ursprünglich an Beschäftigte oder Besucher von Veranstaltungen verteilt wurden. Auf eBay hat sich rund um sogenanntes KI-Merch ein eigener Markt entwickelt. Pakete mit Werbeartikeln von OpenAIs Programmierwerkzeug Codex, bestehend aus Kappe, Hoodie und kleineren Zugaben, wurden für bis zu 475 US-$ angeboten. Ein gebrauchtes OpenAI-Sweatshirt wechselte für knapp 247 US-$ den Besitzer. Ein Kugelschreiber mit Anthropic-Logo brachte rund 40 US-$ ein, ein authentisches Mitarbeiter-Shirt 120 US-$.
Mitchell Brody betreibt gemeinsam mit seiner studierenden Tochter Sunny einen T-Shirt-Shop auf eBay. Ein von OpenAI an Beschäftigte ausgegebenes Shirt bietet das Duo für rund 250 US-$ an. Brody glaubt, dass solche Kleidungsstücke künftig eine ähnliche Bedeutung bekommen könnten wie alte Konzert-Shirts. KI-Merch sei längst Teil eines neuen „Geek Chic“ und könne später als Erinnerungsstück an den KI-Boom der 2020er-Jahre gelten. Von Forbes befragte Händler bestätigen, dass insbesondere Artikel von OpenAI und Anthropic deutlich höhere Preise erzielen als klassische Werbekleidung anderer Technologiekonzerne. In Brodys Shop kostet ein Mitarbeiter-Tanktop von Google beispielsweise knapp 25 US-$. Selbst ein originales Unternehmens-Poloshirt von SpaceX wurde für weniger als 12 US-$ angeboten.
Die Nachfrage zeigt, wie weit der aktuelle KI-Hype inzwischen reicht. Ein Verkäufer aus der San Francisco Bay Area erinnert sich lediglich an eine vergleichbare Entwicklung: Nach dem Zusammenbruch der Silicon Valley Bank waren deren Werbeartikel kurzfristig stark gefragt. Als die Bank gerettet wurde, brachen die Preise jedoch wieder ein. Ein Set aus Weinglas und Käsebrett der Bank wurde zuletzt für weniger als 23 US-$ verkauft. Ein Kleidungsstück ist zwar kein Ersatz für Unternehmensanteile oder eine Position bei einem führenden KI-Konzern. Es vermittelt Käufern jedoch zumindest den Eindruck, Teil der Technologiebranche zu sein. Besonders ausserhalb grosser Zentren wie San Francisco gilt das Tragen entsprechender Kleidung als sichtbare Nähe zur Welt der KI-Start-ups. Händler berichten, dass viele Interessenten aus Regionen abseits der bekannten US-Technologiestandorte kommen. Der Wert entsteht dabei nicht allein durch das Logo. Besonders gefragt sind Produkte aus kleinen Auflagen, die an bestimmte Markteinführungen, Konferenzen oder Unternehmensmeilensteine gebunden sind. Sie signalisieren, dass eine Person bei einem besonderen Ereignis dabei war – oder zumindest jemanden kennt, der dort gewesen ist. Da sich Firmenlogos relativ leicht auf gewöhnliche Kleidungsstücke drucken lassen, achten Käufer genau auf Etiketten, Herstellerangaben und originale Veranstaltungsverpackungen. Einige der gesuchten Stücke werden in Secondhand-Läden gefunden, andere stammen von Freunden oder Bekannten aus der Technologiebranche.
Am höchsten bewertet werden laut Brody Artikel, die ausschliesslich an Beschäftigte ausgegeben wurden. Ähnliches gilt für SpaceX-Shirts, die mit einer bestimmten Raketenmission oder Flugnummer verbunden sind. Produkte, die nicht regulär über einen öffentlichen Onlineshop erhältlich sind, bieten demnach die grössten Chancen auf hohe Wiederverkaufspreise. OpenAI nutzt das Interesse inzwischen selbst. Der bislang intern geführte Merchandising-Shop OpenAI Supply Co. wurde im Juli 2026 für die Öffentlichkeit geöffnet. Dort verkauft das Unternehmen unter anderem Kappen für 40 US-$ und Socken für 15 US-$. Eine Archivseite dokumentiert ältere Kollektionen samt dem Datum, an dem sie aus dem Angebot genommen wurden. Damit orientiert sich OpenAI an Strategien aus der Mode- und Sneakerbranche, bei denen künstliche Verknappung die Nachfrage nach limitierten Produkten steigert.
Das Unternehmen beschreibt seine Artikel nicht nur als klassische Werbemittel, sondern als sichtbaren Ausdruck der eigenen Unternehmenskultur. Ursprünglich als kleine Produktlinie für Beschäftigte gedacht, hätten Sammelkarten, Klappstühle und bedruckte Hoodies innerhalb des Konzerns schnell eine unerwartet hohe Bedeutung entwickelt. Spekulationen mit Werbeartikeln sind im Silicon Valley allerdings nicht neu. Sammler zahlen seit Jahren für Erinnerungsstücke bekannter Unternehmensgeschichten – sowohl für Produkte erfolgreicher Konzerne als auch für Überbleibsel spektakulär gescheiterter Start-ups wie Pets.com, Webvan, Theranos oder WeWork. Apple nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Bereits in den frühen 2000er-Jahren standen Fans bei Eröffnungen neuer Apple Stores an, um kostenlose und limitierte T-Shirts zu erhalten. Diese wurden anschliessend auf eBay teilweise für 200 bis 500 US-$ weiterverkauft.
Inzwischen sind historische Apple- und Steve-Jobs-Erinnerungsstücke zu einer eigenen Anlageklasse geworden. Das US-Auktionshaus RR Auction verkaufte eine originale Apple-1-Platine, die in Steve Jobs’ Garage hergestellt worden war, für 2,75 Mio. US-$. Ein von Jobs und Steve Wozniak unterzeichneter Scheck aus dem Jahr 1976 brachte 2,4 Mio. US-$ ein. Ein frühes Apple-Werbeplakat wurde für 650.000 US-$ versteigert. Erinnerungsstücke von Google und Microsoft erzielen ebenfalls hohe Preise, bewegen sich jedoch meist im niedrigen vierstelligen Bereich. Der Markt für Technologie-Memorabilien folgt damit einem Muster, das zuvor vor allem aus Hollywood, Musik und Film bekannt war. Gegenstände gewinnen an Wert, wenn sie mit einem entscheidenden Moment, einem bekannten Gründer oder einer technologischen Veränderung verbunden sind.
Allerdings ist der Markt äusserst selektiv. Apple-Produkte dominieren, während Erinnerungsstücke weniger bekannter oder längst verschwundener Unternehmen häufig kaum Abnehmer finden. Entscheidend ist, ob eine Marke auch Jahrzehnte später noch kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung besitzt. Nach Einschätzung von Bobby Livingston, Executive Vice President bei RR Auction, dürfte es noch rund 25 Jahre dauern, bis KI-Werbeartikel eine eigenständige Kategorie bei grossen Auktionen bilden. Erste Anzeichen eines Sammlermarktes seien jedoch bereits sichtbar. Frühe Grafikkarten und Computerplatinen mit der Unterschrift von Nvidia-Chef Jensen Huang werden derzeit für 8.000 bis 10.000 US-$ verkauft. Der KI-Influencer Linus Ekenstam erhielt zudem einen Google-Gemini-TPU-Chip in einer Acrylbox. Google entwickelt diese Prozessoren für das Training von KI-Modellen. Ekenstam betrachtet das Stück als Familienerbstück, das er später an die nächste Generation weitergeben möchte.
Wer aktuell auf kurzfristige Preissteigerungen setzt, könnte besonders bei Anthropic-Merch fündig werden. Produkte des Unternehmens waren bislang nur schwer erhältlich. Alejandro Navia, selbst Mitarbeiter eines KI-Unternehmens, änderte sogar seinen Flug nach New York, um eine kostenlose Anthropic-Baseballkappe mit der Aufschrift „thinking“ zu bekommen. Vergleichbare Kappen werden auf eBay für 50 bis 100 US-$ angeboten. Verkaufen wollte Navia seine Kappe dennoch nicht. Für ihn zählt die Geschichte hinter dem Gegenstand mehr als der mögliche Gewinn. Im Silicon Valley dokumentiert Merchandising schliesslich nicht nur Unternehmensmarken – sondern auch, wer bei einem bestimmten Moment des Technologiebooms tatsächlich dabei war.
Text: Anna Tong
Illustration: Yunjia Yuan via Google Gemini