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Vesselin Dimitrov wuchs in Bulgariens Hauptstadt Sofia auf und studierte in Bremen Wirtschaftsjournalismus. Seit sechs Jahren ist er Chefredakteur von Forbes Bulgarien. Während eines Besuchs in Wien beschreibt er ein Bild seiner Heimat kurz nach den Wahlen Ende April: Wie steht es um das Land, die Unternehmer und ausländische Investoren in Bulgarien – und wie kam er überhaupt zum Journalismus?
Befragt man Vesselin Dimitrov, Chefredakteur von Forbes Bulgarien, zur Stimmung nach den letzten Parlamentswahlen in seiner Heimat – vor allem auch hinsichtlich einer Weiterentwicklung bulgarischer Unternehmen –, schwankt diese in seinen Augen zwischen Hoffnung, Optimismus und Realismus.
Erklärt sei das, so Dimitrov, mit einem kurzen Blick in Bulgariens jüngere Geschichte. Ende April 2026 gelang dem ehemaligen Präsidenten Rumen Radew und seiner Partei Progressives Bulgarien mit knapp 45 % ein haushoher Wahlsieg, an dem heute – neben aus Politikverdrossenheit gespeister Skepsis – viele Hoffnungen für die Zukunft des Landes hängen. Allem voran steht der Kampf gegen die Korruption.
„Seit fast 30 Jahren war das das erste Mal, dass eine Partei mit einer derart hohen Mehrheit den Wahlsieg einfährt“, beginnt Dimitrov in geschliffenem Deutsch zu erzählen. Das kam alles sehr überraschend, sagt er; für die Chancen auf wirtschaftliche Stabilität, auch für ausländische Investoren, sei dies aber zumindest vielversprechend. „Denn die am häufigsten von ausländischen Geschäftsleuten an mich gestellte Frage war – eigentlich immer schon – jene nach der Stabilität“, so der Forbes-Bulgarien-Chefredakteur. Allein innerhalb der letzten fünf Jahre wurden acht Parlamentswahlen abgehalten. „Politisch waren das Gemengelagen aus links, Mitte-links und rechts, die am stärksten darin waren, sich gegenseitig zu verhindern“, erklärt er weiter. „Dass nun eine Partei ganze vier Jahre lang durchregieren wird, das hatten wir wirklich schon lange nicht mehr.“ In die Zuversicht mischt sich im Lauf des Gesprächs immer wieder Nüchternheit. Die grosse Frage ist auch für Dimitrov, ob es der neue Staatslenker Radew schaffen wird, Stabilität in sein Land zu bringen, um es für heimische Unternehmer wie Investoren attraktiver zu machen.
Rumen Radew wird als prorussisch beschrieben. Das könne man glauben oder nicht, sagt Dimitrov; Radew selbst habe sich den Medien gegenüber weitgehend reserviert gezeigt. „Während der gesamten Wahlkampfperiode hat er nur zwei Interviews gegeben“, so Dimitrov weiter. Was aus seiner Sicht wichtig sei: „Es gibt ein Wirtschaftsprogramm.“ Inwieweit dem, was auf dem Papier steht, zu trauen ist, stehe allerdings auf einem anderen Blatt. Fakt sei, so Dimitrov weiter, dass spätestens seit der Einführung des Euro mit Jahresbeginn 2026 das Land zum Schengen-Raum gehöre und dies ein weiterer Schritt hin zur Europäischen Union (Bulgarien ist seit 2007 EU-Mitglied) und weg von Russland ist. „Da gibt es jetzt auch keinen Weg zurück“, so Dimitrov.
Einfacher werde es dadurch aber nicht, sagt er. Mit der Einführung des Euro kam es – wie nahezu überall – zu Preissteigerungen, samt damit einhergehender Imageproblematik. Für die Stabilisierung der Währung und die Vergleichbarkeit der Preise beim Verkauf von Vermögenswerten etwa sei das einerseits positiv; andererseits aber müsse man sich im Land jetzt rasch darüber Gedanken machen, wie man sich zum Beispiel aus der Rolle des Technik-Dienstleisters herausentwickeln könne, nennt der Forbes-Bulgarien-Chefredakteur nur ein Beispiel unter unzähligen Herausforderungen, die anstehen.
„Wir hatten einen starken Fokus auf IT-Dienstleistungen, die zu uns outgesourct worden sind. Jetzt sind die Preise dafür gestiegen – und damit auch die Erwartungen bezüglich der Löhne. Die Löhne sind in den Jahren 2020 bis 2025 um 37 % gestiegen. Das ist die höchste Rate innerhalb der EU. So ist man am Outsourcing-Markt nicht konkurrenzfähig. Die Microsofts dieser Welt werden dafür weiter in Richtung Indien ziehen, weil es dort einfach billiger ist“, sagt Dimitrov.
Ein anderer Grund für die grosse Dynamik bei Bulgariens Gehältern sei neben einer Inflation bei 6,2 % (die Eurozone weist laut Eurostat 3 % auf) der eklatante Fachkräftemangel, sagt er. „Einerseits verschafft uns das eine extrem niedrige Arbeitslosenquote von rund 3 %, wodurch man andererseits als Arbeitnehmer gleich in einer guten Verhandlungsposition ist“, grinst Dimitrov. Für die Unternehmer des Landes macht das die Suche nach gut ausgebildeten Fachkräften aber schwierig. Und: Das Land blute aus, so Dimitrov. „Nach der Wende lag die Zahl der Bevölkerung bei mehr als neun Millionen. Jetzt, rund 30 Jahre später, stehen wir bei 6,4 Millionen Einwohnern. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Drittel des Landes ist ausgewandert! Und die meisten davon sind hoch qualifizierte Menschen.“ Allerdings gebe es in den letzten Jahren einen kleinen Trend, der zeige, dass jährlich zwischen 10.000 und 20.000 Bulgaren mehr ins Land kämen als weggehen. Und: „Seit rund eineinhalb Jahren sieht man mehr Menschen etwa aus Nepal und Senegal in unseren Strassen arbeiten“, so Dimitrov.
Die gut ausgebildeten Menschen, die potenziell erfolgreichen Unternehmer und viele Start-up-Gründer sind in Scharen ins Ausland gezogen, sagt Dimitrov; vor allem wegen der Korruption im Land. „Seit etwa drei Wochen produzieren wir einen Podcast – und ich muss zugeben, dass es schwierig ist, neue Leute, frische Gesichter dafür aufzutreiben. Es gibt einen Haufen bekannter Unternehmer, aber wenig, das von hinten nachkommt.“ Mit der Social-Media-Economy werden immer mehr Digital-Marketing-Agenturen hochgespült, allerdings alle in einer Grössenordnung von rund 1 Mio. € Umsatz und zwei bis vier Mitarbeitern, so Dimitrov weiter. „Ob man so die Welt verändern kann?“, fragt er rhetorisch.
Anders als noch vor rund zwanzig Jahren habe sich vieles nach einer langen Ära des Kommunismus verwestlicht, sagt er. Heute gebe es eine starke gehobene Mittelschicht der Angestellten, viele, auch junge Leute, streben Beamtenjobs an – „es sind die sicheren Stellen, mit fixen Gehältern und strikten Arbeitszeiten, die viele Menschen präferieren. Dazu kommt, dass viele Unternehmer bzw. Familienunternehmen keine Nachfolge finden“, so Dimitrov. Diejenigen, die es sich leisten konnten, haben ihre Kinder fürs Studium ins Ausland geschickt. Diese haben sich dann entweder im Ausland etwas aufgebaut oder haben dort ihre Karrieren verfolgt, erklärt er weiter. „Jedenfalls wollen die Kinder meistens nicht zurückkommen.“ Eine ausgeprägte Langfristperspektive, die er etwa bei Familienunternehmen in Österreich oder der Schweiz sehe, erkenne er in Bulgarien nicht: „Diese intrinsische Motivation, die viele Unternehmer auch noch haben, wenn sie sich – aus wirtschaftlicher Sicht – schon längst zur Ruhe setzen könnten, die sehe ich bei uns nicht“, sagt er. Wer reich ist, wird entweder noch reicher und verkauft sein Unternehmen bestenfalls. Er fand die unternehmerische Landschaft in Bulgarien vor rund zehn, fünfzehn Jahren viel spannender als die heutige, fasst Dimitrov zusammen.
Aber, so Dimitrov wieder versöhnlicher: Bulgariens Wirtschaft wachse – „wir haben in den letzten Jahren sehr rasch aufgeholt.“ Und weiter: „Wir sind vielleicht nicht mehr lange das ärmste Land der EU. Nach den aktuellen Zahlen der Weltbank liegt das BIP pro Kopf schon sehr nahe an dem Ungarns und Rumäniens. Und wer weiss – in zwei oder drei Jahren sind wir nur noch das zweitärmste Land der EU“, so der Chefredakteur mit Augenzwinkern. Rückblickend auf die vergangenen zwanzig Jahre habe sich dennoch viel in Sachen Wirtschaftsentwicklung und Wohlstand zum Positiven gewandelt, sagt er. „Wir als Bulgaren müssen hier nur kurz auf die Westbalkanländer schauen, um zu sehen, welchen Unterschied auch für uns die Mitgliedschaft in der EU gebracht hat und bringen wird.“ Allein beim Verreisen sei das ein Unterschied wie Tag und Nacht, so Dimitrov in fast schwärmerischem Ton.
Erklärt ist das nicht nur durch das Wegfallen einer Unzahl von komplizierten Kontrollen bei den Grenzübergängen in früheren Jahren, sondern auch durch Dimitrovs Erfahrungen als Kind. „Ich bin in einem riesigen Stadtteil in den Suburbs von Sofia aufgewachsen, in dem es in den 1990er-Jahren (Vesselin Dimitrov ist Jahrgang 1982, Anm.) schon hart zugegangen ist.“ Zweimal wurde ihm als Kind die Uhr gestohlen – „und es kam nicht selten vor, dass du mit Adidas-Turnschuhen aus dem Haus gegangen und barfuss nach Hause gekommen bist“, sagt er. Rauszugehen war gefährlich, erinnert er sich; und da beide Eltern berufstätig waren, habe er sehr viel Zeit allein zu Hause verbracht, sagt er. „In der Früh bin ich hinausgelaufen, um mir drei, vier Zeitungen zu kaufen. Die habe ich alle verschlungen und dazu viel Radio gehört. So habe ich gelernt, die Welt da draussen zu verstehen, und konnte meiner Welt ein Stück weit entfliehen.“ Nach der Matura sei er dann mit 1.000 Mark in der Tasche, die seine Eltern für ihn gespart hatten, nach Bremen zum Studium des Wirtschaftsjournalismus aufgebrochen. Ob dies mit Stipendium geschah, wollten wir wissen: „Nee“, sagt Dimitrov schmunzelnd mit deutschem Akzent – „ich habe bei Nordsee gekellnert!“
Fotos: Gianmaria Gava