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Ob Make-up, Haut- oder Haarpflege: L’Oréal steht wie kaum ein anderes Unternehmen für die globale Beauty-Industrie. Doch der Anspruch des Konzerns reicht längst über seine Produkte hinaus. Am Schweizer Hauptsitz in Genf spricht Claire Dieudonné, Country Coordinator L’Oréal Schweiz, über die Bedeutung von Wissenschaft und Technologie, Vielfalt als wirtschaftlichen Faktor und die Verantwortung eines globalen Unternehmens gegenüber Gesellschaft und Umwelt.
Von Haarmasken über Parfüms bis hin zu Seren und Gesichtscremes: Am Schweizer Hauptsitz von L’Oréal in Genf zeigt sich bereits im Eingangsbereich die Bandbreite des Konzerns – aufgereiht in einem Regal entlang der Wand sinnbildlich für das, wofür das Unternehmen steht: Beauty in ihrer ganzen Vielfalt. Und doch ist das nur die halbe Wahrheit – ein Blick auf den Bildschirm hinter der Rezeption verweist auf eines der vielen Themen, die über das Tagesgeschäft hinausreichen: die Ankündigung des Citizen Day. Einmal im Jahr tauschen die Mitarbeitenden des Unternehmens ihren gewohnten Arbeitsplatz gegen den Einsatzbereich einer gemeinnützigen Organisation und widmen einen Arbeitstag einem gesellschaftlichen Anliegen ihrer Wahl. Und das kommt an: 2025 engagierten sich weltweit mehr als 28.700 Mitarbeitende in 73 Ländern für mehr als 680 gemeinnützige Organisationen und leisteten dabei über 1.070 Einsätze. «Die Menschen wollen nicht nur von Purpose hören; sie möchten selbst etwas beitragen und unmittelbar erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied machen kann», sagt Claire Dieudonné.
Als Country Coordinator von L’Oréal Schweiz laufen bei Dieudonné zahlreiche Fäden zusammen. Die Beauty-Industrie kennt sie dabei quasi in- und auswendig: Nach Stationen bei Schwarzkopf und Henkel sowie Bulgari Parfums wechselte sie 2012 zu L’Oréal. Dort übernahm sie verschiedene Funktionen in Marketing und Business Development, bevor sie 2023 die Leitung der Schweizer Consumer Products Division und 2024 zusätzlich die Koordination des gesamten Schweizer Geschäfts übernahm. Ihre Aufgabe besteht darin, die globale Stärke des Konzerns auf einen Markt zu übertragen, der zwar klein ist, aber eine besondere Komplexität aufweist. «Wir profitieren von der Expertise und der Stärke eines globalen Konzerns. Unser Erfolg hängt jedoch davon ab, wie genau wir den lokalen Markt und seine Konsumenten verstehen», sagt Dieudonné. Und der hat es in sich: Unterschiedliche Sprachregionen, kulturelle Prägungen und Konsumgewohnheiten verlangen in der Schweiz danach, den Markt und seine Eigenheiten genauestens zu kennen. Zugleich ist dieser wirtschaftlich bedeutender, als es die Bevölkerungszahl vermuten lässt: Schweizer Konsumenten geben jährlich rund 2 Mrd. CHF für Kosmetikprodukte aus. Laut Statista Market Insights lag der durchschnittliche Pro-Kopf-Umsatz im Segment Beauty & Personal Care dort 2025 bei rund 321 US-$ – und damit knapp 29 % über dem deutschen Wert von rund 250 US-$.
Das internationale Marktforschungsunternehmen Euromonitor beschreibt den Schweizer Beauty- und Körperpflegemarkt als reifen, aber weiterhin wachsenden Markt: 2024 legten die Umsätze wertmässig deutlich stärker zu als die verkauften Mengen. Zugleich prägen die wachsende Nachfrage nach Premiumprodukten, wissenschaftlich belegte Wirksamkeit, Nachhaltigkeit und die Nachfrage nach personalisierten Produkten die Entwicklung. «Ein Produktversprechen allein reicht heute nicht mehr. Die Menschen wollen verstehen, warum ein Produkt wirkt, sie wollen Belege sehen; und sie wollen Lösungen, die wirklich zu ihnen passen», bestätigt Dieudonné. L’Oréal Schweiz nimmt dabei laut einer Schätzung des Marktforschungsunternehmens Mordor Intelligence gemessen am Einzelhandelswert die führende Position im Schweizer Beauty- und Körperpflegemarkt ein.
Hinter diesem Erfolg steht ein weitreichender Anspruch: L’Oréal will Schönheit nicht nur über Produkte definieren, sondern unter dem Leitgedanken «Create the Beauty that moves the World» auch über die Wirkung, die das Unternehmen auf Menschen, Gesellschaft und Umwelt entfaltet. «Schönheit ist weit mehr als ein Produkt. Sie kann Menschen Selbstvertrauen geben, ihr Selbstwertgefühl stärken und ihnen ermöglichen, auszudrücken, wer sie sind», sagt Dieudonné und führt weiter aus: «Für uns stehen verantwortungsvolles Handeln und wirtschaftlicher Erfolg nicht im Gegensatz zueinander. Im Gegenteil: Ein Unternehmen kann gerade deshalb erfolgreicher werden, weil es verantwortungsvollere Entscheidungen trifft.»
Entscheidend ist für L’Oréal damit also nicht allein, was im Regal steht, sondern auch, wie Produkte entwickelt werden. Aus diesem Grund bildet laut Dieudonné Forschung das Fundament des Geschäftsmodells: «Wissenschaft stand bei L’Oréal schon immer im Zentrum. Innovation ist nichts, was wir der Schönheit nachträglich hinzufügen – sie ist die Grundlage der Produkte, die wir auf den Markt bringen.» Weltweit arbeiten nach Angaben des Konzerns mehr als 4.000 Menschen in Forschung und Entwicklung; 2025 meldete L’Oréal nach eigenen Angaben 725 Patente an. Ein Schweizer Beispiel für das Ergebnis dieser Forschungsintensität ist Gjosa: Das gemeinsam entwickelte Water-Saver-System reduziert den Wasserverbrauch beim Ausspülen von Shampoo von rund sieben auf 2,4 Liter. Nach jahrelanger Zusammenarbeit und einer Beteiligung übernahm L’Oréal das Bieler Unternehmen 2024 vollständig. Für Dieudonné zeigt das: «Innovation bedeutet nicht immer, ein weiteres Produkt zu schaffen – manchmal geht es darum, eine ganze Gewohnheit zu verändern.»
Doch Forschung allein entscheidet noch nicht darüber, ob ein Produkt tatsächlich für möglichst viele Menschen relevant ist – ebenso entscheidend ist, wer an seiner Entwicklung beteiligt ist. «Wenn wir Konsumenten in ihrer ganzen Vielfalt verstehen wollen, muss auch unser Unternehmen diese Vielfalt widerspiegeln», sagt Dieudonné. L’Oréal begreift Diversität daher nicht nur als gesellschaftliche Verpflichtung, sondern als wirtschaftlichen Faktor. Das zeigt sich bei Unternehmen nicht nur in den Produktergebnissen, sondern auch in ihrer gesamten Leistung: Laut einer McKinsey-Analyse hatten Unternehmen, die in puncto Geschlechtervielfalt ihrer Führungsteams im obersten Viertel sind, eine um 39 % höhere Wahrscheinlichkeit, ihre Wettbewerber finanziell zu übertreffen, als Unternehmen im untersten Viertel. Bei L’Oréal selbst waren 2025 48,5 % der strategischen Positionen sowie 38 % der Positionen im Executive Committee mit Frauen besetzt. «Diversität ist nicht von Leistung zu trennen. Sie ist einer der Gründe, weshalb wir bessere Ergebnisse erzielen», erklärt Dieudonné zustimmend. «Es genügt dabei nicht, verschiedene Menschen an einen Tisch zu bringen. Man muss auch ein Umfeld schaffen, in dem sich alle sicher genug fühlen, ihre Meinung zu äussern – und in dem jede Stimme gehört wird.» Gerade in einer Zeit, in der Programme zur Diversität unter Beschuss stehen, hält Dieudonné an dieser Position fest: «Werte zeigen sich genau dann, wenn sie unter Druck geraten. Für uns sind Vielfalt und Inklusion keine vorübergehenden Themen, die sich mit dem politischen Klima verändern.»
Auch in der für das Unternehmen so wichtigen Forschung zeigt sich dieser Ansatz. In der Schweiz stellen Frauen rund 55 % der Studierenden und 47 % der Doktorierenden, in den höchsten akademischen Positionen sinkt ihr Anteil jedoch auf knapp über 30 %. Hier setzt das 2025 erstmals in der Schweiz durchgeführte L’Oréal-Unesco-Programm «For Women in Science» an: Vier Nachwuchswissenschaftlerinnen erhielten jeweils 25.000 CHF für ihre Forschung. Neben finanzieller Unterstützung soll das Programm Sichtbarkeit, Netzwerke und Vorbilder schaffen. Weltweit wurden seit dem Start 1998 bereits mehr als 4.700 Wissenschaftlerinnen gefördert und begleitet, sieben von ihnen erhielten später gar einen Nobelpreis. «Wir müssen Frauen in der Wissenschaft eine Stimme geben, damit die nächste Generation sieht: Ja, das kann ich auch», sagt Dieudonné. Die nächste Preisverleihung in der Schweiz findet dieses Jahr am 21. Oktober statt.
Verantwortung zeigt sich für L’Oréal auch in puncto Nachhaltigkeit – so gehört L’Oréal Schweiz zu den Gründungsmitgliedern von RecyPac, einer Branchenorganisation, die eine landesweit einheitliche Sammlung von Kunststoffverpackungen und Getränkekartons aufbauen will. Die ersten Gemeinden führten das System mit dem sogenannten RecyBag im Januar 2025 ein; nach nur einem Jahr hatten bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen Zugang dazu. «Kreislaufwirtschaft kann kein Unternehmen allein schaffen. Sie braucht eine funktionierende Infrastruktur und die Zusammenarbeit der gesamten Branche – auch zwischen Wettbewerbern», sagt Dieudonné. Nach dem Prinzip der erweiterten Produzentenverantwortung vereint RecyPac deshalb Unternehmen, Detailhändler, Verpackungshersteller, Gemeinden und Recyclingbetriebe, um gemeinsam ein funktionierendes Sammel- und Verwertungssystem aufzubauen.
Erfolg ist nie nur individuell – entscheidend ist, was wir gemeinsam aufbauen.
Claire Dieudonné
Auch bei den eigenen Verpackungen versucht der Konzern, den Materialeinsatz zu reduzieren. Dabei setzt L’Oréal zunehmend auf leichtere Flakons, recycelte und biobasierte Materialien sowie Nachfüllsysteme. In der Schweiz sind Refills unter anderem für Düfte von Mugler, Yves Saint Laurent, Giorgio Armani und Prada sowie in weiteren Produktkategorien erhältlich. Je nach Produkt lassen sich dadurch mehr als die Hälfte des Glases und Kunststoffs einsparen. 2025 stammten nach Unternehmensangaben 44 % der für Produktverpackungen verwendeten Materialien aus recycelten oder biobasierten Quellen; der Einsatz von neuem Kunststoff war seit 2019 um 37 % gesunken. Zugleich will L’Oréal die Verpackungsmenge pro Produkt gegenüber 2019 um 20 % und den Einsatz von neuem Kunststoff absolut um 50 % reduzieren.
Verpackungen sind nur ein Teil der Strategie: Weitere Schwerpunkte liegen auf erneuerbaren Energien und Emissionsreduktionen, biobasierten und zirkulären Inhaltsstoffen, dem Schutz der Biodiversität sowie einer transparenteren Bewertung der ökologischen und sozialen Auswirkungen einzelner Produkte.
All diese Initiativen lassen sich laut Dieudonné nur umsetzen, wenn die Mitarbeitenden im Unternehmen Verantwortung übernehmen und als Team zusammenarbeiten. Ihre Aufgabe als Führungskraft sieht sie deshalb vor allem darin, dafür die richtigen Bedingungen zu schaffen und ihre Mitarbeitenden bestmöglich zu unterstützen.
Denn Mitarbeitende bringen unterschiedliche Lebensrealitäten mit: Sie bekommen Kinder, übernehmen Pflegeverantwortung oder brauchen zeitweise mehr Flexibilität. L’Oréal versucht, darauf mit flexiblen Arbeitsmodellen, Entwicklungsmöglichkeiten und individuellen Karrierewegen zu reagieren. Eine gesunde Balance zwischen Berufs- und Privatleben ist nach Angaben des Unternehmens dabei ein zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur. Mit dem Programm «L’Oréal Share & Care» bietet der Konzern zudem Leistungen und Schutzmechanismen, die Mitarbeitende in unterschiedlichen Lebensphasen unterstützen sollen.
Dass solche Wege nicht immer geradlinig verlaufen, zeigt auch Dieudonnés eigene Laufbahn: Als sie aus dem Mutterschaftsurlaub zurückkehrte, wollte sie zunächst in ihre bisherige Position zurück. Ihr Vorgesetzter schlug ihr jedoch einen anderen Weg vor: «Er sagte zu mir: ‹Es ist Zeit, neue Kompetenzen zu entwickeln.›» Für Dieudonné wurde eine neue Rolle mit mehr Verantwortung als nächstes berufliches Kapitel geschaffen.
Gleichzeitig romantisiert sie die Verbindung von Führungsrolle und Familie nicht – möglich werde diese nur durch Unterstützung und geteilte Verantwortung. Dieudonné: «Ich kann diese Rolle ausfüllen, weil ich ein starkes Team im Unternehmen und ein starkes Team zu Hause habe. Man kann nicht alles allein schaffen – und man sollte es auch nicht versuchen.»
Das Team ist für Dieudonné deshalb der entscheidende Faktor: «Ich umgebe mich bewusst mit Menschen, die in ihren jeweiligen Fachgebieten stärker sind als ich. Für mich bedeutet Führung, Vertrauen zu geben, Verantwortung abzugeben und die Bedingungen zu schaffen, unter denen andere erfolgreich sein können. Denn Erfolg ist nie nur individuell – entscheidend ist, was wir gemeinsam aufbauen.»
Fotos: Niels Ackermann