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Sabine Holbrook ist eine der wenigen Frauen an der Spitze der spanischen Motorradszene und zweifache Meisterin. Doch der Sport ist ein teures Geschäft: Preisgeld gibt es keines, eine Saison kostet sie rund 150.000 CHF. Parallel leitet die 46-Jährige als CEO das Schweizer Unternehmen Swissclamp. Wie Holbrook zwischen Rennstrecke und Unternehmensführung lebt – und warum ihr Geschäft heute die Grundlage für ihre grösste Leidenschaft bildet.
Die zweifache Meisterin wirkt gut gelaunt und entspannt – man sieht es ihr kaum an, dass sie gerade mitten in der spanischen Motorrad-Strassenrennsport-Saison 2026 steckt und seit Wochen um den nationalen Pokal kämpft. Sieben Rennwochenenden stehen zwischen März und Anfang November auf ihrem Kalender. Sabine Holbrook ist eine von rund 130 Fahrerinnen und Fahrern, die mit grosser Leidenschaft auf Motorrädern mit mehr als 100 PS um Punkte und Platzierungen kämpfen. Am Ende der Saison wartet jedoch kein Preisgeld auf sie – denn in ihrer Meisterschaft gibt es keines. «Manchmal bekomme ich auf dem Podium einen Vorderreifen geschenkt», sagt Holbrook und lacht.
Die 46-jährige Wahlschweizerin gehört zu den schnellsten Motorradfahrerinnen der Supersport-Kategorie; jener Klasse, in der Sportmotorräder mit rund 600 Kubikzentimeter Hubraum gegeneinander antreten. Dort holte Holbrook schon letztes Jahr den Meistertitel und gewann zugleich den Spanish Yamaha R6 Cup. Abseits der Rennstrecke ist Holbrook weitgehend auf sich selbst gestellt: Sie organisiert die Reise mit dem Bus, managt sich selbst und schläft im Wohnwagen. Nur einen Mechaniker hat sie an ihrer Seite. Die meisten Fahrer gehen dagegen mit einem Team an den Start, das sich um Technik, Reifen, Transport und die Abläufe rund um die Rennwochenenden kümmert. Für eine ganze Saison zahlt die Motorsportlerin rund 150.000 CHF aus eigener Tasche – «und das ist ein ganz kleines Budget», sagt sie.
Aufgewachsen im Raum Heidelberg stiess ihr sportlicher Ehrgeiz früh an Grenzen. Ihre Mutter legte grossen Wert auf Schulbildung und Musik – für Sport war kein Platz. Holbrook zog es jedoch immer zu Extremen. Als Kind war sie im Eisschnelllauf aktiv, bis sie in der Juniorenweltmeisterschaft landete; mit 13 beendete sie ihre Karriere, weil ihre Mutter darauf bestand, die Schule zu priorisieren. Ein Rennrad, das sie auf dem Sperrmüll fand, brachte sie dann zum Radsport, über eine Trainingsgruppe in den erweiterten Kader der Nationalmannschaft und schliesslich in diese selbst. «Es ging mir immer darum, an meine persönlichen Grenzen zu gehen und sie zu verschieben», sagt sie. «Einfach nur Sport zu machen hat mich nie interessiert.»
Mit 19 wurde Holbrook zum ersten Mal Mutter, mit 23 zum zweiten Mal, während sie ein Studium (Betriebswirtschaft und Marketing) im amerikanischen Bundesstaat Oregon absolvierte. «Studium, Kinder, Geld, das war immer Thema. Da war kein Platz für etwas anderes», erzählt sie. Das Motorrad, ihr eigentlicher Wunsch, musste warten, bis ihr Leben es finanziell und zeitlich zuliess. Als es so weit war, kaufte sich die damals 30-Jährige – mittlerweile zurück in Deutschland – zuerst das Motorrad und machte danach erst den Führerschein. «Ich hatte Angst, dass wieder etwas dazwischenkommt. Wenn das Motorrad schon dasteht, musst du nur noch die kleinere Hürde nehmen», erklärt Holbrook. Ihr Fahrlehrer, zufällig auch Instruktor auf der Rennstrecke, erkannte ihr Talent auf dem Motorrad sofort. Nach vier Tagen hielt sie den Führerschein in der Hand. Beim ersten Sicherheitstraining auf dem Hockenheimring lernte sie vor allem eines: «Ich fahre viel lieber auf der Rennstrecke als auf der Strasse.» Ihr erstes Motorrad, eine Ducati, wurde ihr zu langsam: «Ich habe sie relativ schnell geschrottet», sagt Holbrook grinsend.
Ein Jahr später drehte sie ihre erste Runde im Renntempo. Ihr Ehemann stand stets an ihrer Seite – nicht nur als emotionale Unterstützung, sondern als Teampartner: Er richtete ihre Motorräder. Nebenher betrieb er eine kleine Firma für Verbindungstechnik aus Stahl und Aluminium. «Als er vor zehn Jahren im Sterben lag, sagte er zu mir: ‹Mit der Firma kann man kein Geld verdienen, du musst dich nicht bemühen›», erzählt sie. Holbrook entschied sich dann doch dagegen, das Unternehmen aufzugeben: «Ich finde es toll, wenn man etwas Neues macht und sich da reindenken muss», sagt sie. Ohne jegliches Vorwissen las sie sich ein, strukturierte die Firma um, baute einen Webshop und schuf 2021 die neue Marke Swissclamp – heute ist das ihre grösste Einnahmequelle.
Die Gesellschaft dahinter, die Niafil AG mit Sitz im schaffhausischen Trasadingen, wurde 2011 von ihrem Mann gegründet. Unter ihrem Dach laufen zwei Handelsmarken: Swissclamp und Power Pac. Swissclamp ist heute ein E-Commerce-Händler für Rohrverbinder aus Stahlguss, Stahlblech und Aluminium; über 4.000 Teile, mit denen sich ohne Schweissen oder Bohren vom Gartenzaun über den Ladenbau bis zur Terrassenüberdachung fast alles bauen lassen soll. «Wie Lego Technik, nur aus Stahl und Aluminium», erklärt Holbrook. Vor sechs Monaten startete sie mit Swissclamp die Expansion nach Frankreich und Spanien. Die zweite Marke, Power Pac, vertreibt kompakte Baumaschinen wie Minidumper, Elektro-Schubkarren und Raupenkarren. Verkauft wird direkt über die Webshops, an Privat- wie Geschäftskunden. «Wir bedienen alle Kundengruppen, kein Projekt ist zu gross oder zu klein», sagt Holbrook. Zu den Unternehmenszahlen schweigt sie. Dass sie den Betrieb mit nur zwei Angestellten und mehreren festen Subunternehmern führt, erklärt sich aus dem Modell: Niafil produziert nicht selbst, sondern importiert, lagert und vertreibt.
Währenddessen blieb der Rennsport lange liegen. «Ich habe es einfach nie wieder hinbekommen, mich so aufgehoben und betreut zu fühlen wie damals mit meinem Mann. Das ist enorm wichtig, weil es ein gefährlicher Sport ist», erklärt Holbrook. «Motorradfahren ist zu 90 % Kopfsache. Wenn nicht alle Bedingungen stimmen, funktioniert es einfach nicht.» Ein Versuch mit einem neuen Team scheiterte – erst 2023 fand sie mit einem neuen Partner und einem Mechaniker eine Konstellation, in der sie sich wieder auf das Fahren konzentrieren konnte. In Spanien begann ihre Karriere als Motorrad-Rennsportlerin ein weiteres Mal. Dabei erlitt sie insgesamt fünfmal schwere Verletzungen, nach jeder fiel sie fast ein Jahr aus. «Das Schlimme ist die Wartezeit. Die anderen sind alle oben auf dem Berg – und du musst wieder von ganz unten hochsteigen», erklärt sie. Holbrook trainiert heute aktiv zehn bis zwölf Stunden pro Woche. «Unser Sport ist brutal körperlich geworden, du musst heute unglaublich stark und ausdauernd sein», so Holbrook. Zusätzlich arbeitet sie Vollzeit für ihr Unternehmen. Auf die Frage, wie sie alles unter einem Hut bekommt, antwortet sie: «Du musst es einfach wollen und lieben, was du tust. Für mich ist es nicht schlimm, morgens um sechs aufzustehen, zwei Stunden zu arbeiten, dann Sport zu machen und später wieder zu arbeiten. Ich habe genug Energie dafür.»
Priorität hat wegen der Finanzierung des Motorsports immer die Firma: «Davon lebe ich, das muss einfach so sein», sagt Holbrook. «Ich habe immer ein schlechtes Gewissen. Wenn ich auf der Rennstrecke bin, denke ich, ich müsste eigentlich in die E-Mails schauen. Ich bin überall ehrgeizig und denke immer, ich könnte noch mehr machen und besser sein.» Zusätzlich bietet sie Rennstreckentrainings an – vor allem für Frauen. «Wir Frauen sind dazu erzogen, perfekt zu sein; Männer dazu, mutig zu sein. Damit wir uns wohlfühlen und gut performen, brauchen wir manchmal einen geschützten Rahmen», erklärt sie. Holbrook sieht es an ihrer eigenen Tochter, die sich erst gut genug fühlen will, bevor sie auf die Rennstrecke geht. «Ein Junge würde sich einfach auf die Kiste setzen, selbst wenn er der Schlechteste wäre», fügt sie hinzu. Ihre Überzeugung: Frauen können alles genauso gut, sie brauchen nur oft einen Moment länger, um sich zu entfalten; und jemanden, der ihnen das Umfeld dafür gibt.
80 % der Saison finanziert Holbrook selbst. Das liegt vor allem an ihrer Sportart: Ihre Konkurrenten sind grösstenteils männlich und deutlich jünger – für sie ist laut Holbrook Sportsponsoring weniger ein Problem. Die Sport-Deals seien nämlich nicht von der Leistung des Sportlers abhängig, sondern eher von den Netzwerken: «Die Seilschaften der Männer sind so viel stärker. Männer unterstützen Männer, das ist einfach so.» Damit spricht sie ein Phänomen an, das sich auf sämtliche anderen Sportarten übertragen lässt: 2019 flossen global rund 31 Mrd. US-$ (25,5 Mrd. CHF) ins Sportsponsoring – dabei entfielen laut einer Statista-Erhebung gerade einmal rund 7 % auf den Frauensport, der grosse Rest ging an die Männer. Der Grund dafür könnte die fehlende Sichtbarkeit in der breiten Gesellschaft sein: Laut einer Untersuchung der Sportmarketing-Agentur Wasserman lag der Anteil des Frauensports an der weltweiten Sportberichterstattung 2022 bei etwa 15 %. In Grossbritannien zum Beispiel entfielen 2025 laut dem Women’s Sport Trust nur 8 % der Sport-Sendezeit zur Primetime auf den Frauensport. Für Athletinnen wie Holbrook hat diese Lücke direkte Folgen: Je weniger er in der Öffentlichkeit stattfindet, desto schwieriger ist es, Reichweite aufzubauen und für Sponsoren attraktiv zu werden.
Doch es scheint sich bei den Einnahmen im Frauen-Spitzensport etwas zu bewegen: Für 2026 erwartet der Wirtschaftsprüfer Deloitte in diesem Feld globale Erlöse von über 3 Mrd. US-$, ein Wachstum um rund 340 % seit 2022. Den grössten Anteil dürften dabei kommerzielle Einnahmen aus Sponsoring, Partnerschaften und Merchandising ausmachen; Deloitte prognostiziert, dass sie 2026 rund 45 % der Gesamterlöse ausmachen werden. Bei Holbrook ist von diesem Aufschwung bislang allerdings wenig angekommen – unterstützt wird sie derzeit unter anderem vom Helmhersteller Shark und dem Protektorenspezialisten Sas-Tec.
Im Laufe ihrer Karriere musste Holbrook lernen, sich in einer männerdominierten Sportart zu behaupten. Bis heute gebe es laut Holbrook nur eine Handvoll Motorradrennfahrerinnen, die sie regelmässig bei den Wettkämpfen antrifft. Sie erinnert sich an ein Rennen, bei dem sie einen Fahrer mehrfach überholte – danach kam er zu ihr ins Fahrerlager und schubste sie um. «So betroffen war er, dass er von einer Frau überholt wurde», erzählt sie. «Das Schöne am Sport ist aber, dass man sich ohne Worte beweisen kann.» Heute erlebe sie einen solchen Umgang in Spanien nicht mehr. «Auf diesem hohen Niveau kommt so etwas gar nicht mehr vor. Man gratuliert sich auf dem Podium», so Holbrook.
Es geht mir immer darum, an meine persönlichen Grenzen zu gehen und sie zu verschieben.
Sabine Holbrook
Mit ihren 46 Jahren kann sie mit den jungen Konkurrenten im Rennsport mithalten. «Es ist nur eine Frage des Aspekts Verletzungen – wenn ich mich noch einmal schwer verletze, weiss ich nicht, wie der Körper reagiert. Aber solange das nicht passiert, geht es bestimmt noch eine ganze Weile gut», sagt Holbrook. Die ständige Gefahr einer Verletzung ist zwar durchgehend präsent, doch die Sportlerin versucht sie so gut wie möglich auszublenden. « Damit möchtest du dich nicht beschäftigen, vor allem nicht, bevor du losfährst. Das kannst du nicht im Kopf haben», erklärt Holbrook.
Nächstes Jahr will sie in die Sportbike-Klasse (Rennkategorie für sportliche Motorräder, die auf Serienmodellen basieren) wechseln. In dieser starken Nachwuchskategorie fahren die jungen Talente des Motorsports. Nebenbei plant sie für die Andorra Epic, eines der härtesten Mountainbike-Rennen der Welt. «Ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, ohne Sport zu sein», sagt Holbrook. Mittlerweile ist sie seit rund 15 Jahren – mit ein paar Unterbrechungen – in der Motorsport-Branche tätig. Ans Aufhören denkt Sabine Holbrook trotzdem noch lange nicht. •
Fotos: Jonathan Jimenez Vazquez