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Daniel Hope zählt zu den profiliertesten Geigern seiner Generation. Mit der künstlerischen Leitung des Menuhin Festival Gstaad übernimmt er nun Verantwortung für eines der bedeutendsten Klassikfestivals der Schweiz. Für Hope ist es eine Rückkehr: Seine Mutter prägte das Festival über Jahre an der Seite von Gründer Yehudi Menuhin. Nun steht Hope vor der Aufgabe, ein traditionsreiches Format neu zu justieren – zwischen Anspruch, Gegenwart und Erwartung.
Wir treffen Daniel Hope in der Lobby des Mandarin Oriental Savoy in Zürich. Mitte 2024 ist er aus Berlin an den Zürichsee gezogen – an seinem Arbeitspensum hat das aber wenig geändert. «Ich spiele nach wie vor 120 bis 130 Konzerte im Jahr», sagt er. Geige spielt er seit seinem vierten Lebensjahr, geübt wird bis heute täglich. «Wenn ich weniger als drei Stunden übe, ist es für mich wenig», so Hope. Wenn man morgens um sechs Uhr in einem Hotel eine Geige im Nebenzimmer hört, ist es gut möglich, dass man sich eine Wand mit dem deutsch-irischen Musiker teilt.
Zürich ist für Hope Wohn- und Arbeitsort zugleich. Er ist seit 2016 Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters und hat im November 2025 zusätzlich die künstlerische Leitung des Menuhin Festival Gstaad übernommen. Seine Verbindung zum Festival reicht weit zurück: Seine Mutter Eleanor wurde 1975 persönliche Assistentin von Yehudi Menuhin, später dessen Managerin und ab 1980 Leiterin des Festivals. Die Sommer der Familie spielten sich also schon früh im Saanenland ab.
Diese persönliche Geschichte ist präsent, aber sie bestimmt nicht den Ton, den Hope dem Festival geben will. Dieses feiert 2026 sein 70-jähriges Bestehen – Hopes erstes Programm trägt den Titel «Family Matters». Der Begriff ist weit gefasst: Familie meint hier nicht nur Biografisches, sondern vor allem auch persönliche Beziehungen. «Ich bin in Gstaad gross geworden, ich habe meine Kindheit dort verbracht. Dort war aber auch meine musikalische Familie», so Hope. Orte wie die Kirche in Saanen verbindet er mit Kindheitserinnerungen – heute ist er mit seinen eigenen Kindern dort.
Das Programm des Festivals setzt 2026 auf bekannte Namen und neue Formate. Dirigenten wie Zubin Mehta stehen neben internationalen Orchestern und Solisten auf der Bühne. Gleichzeitig führt Hope neue Akzente ein: Mit «The Summit» entsteht ein Forum, das Musik mit Fragen aus Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft verbindet; Nachwuchsformate werden ausgebaut, Vermittlung stärker gewichtet. Das Ziel ist keine Abkehr vom Alten, sondern eine Neuordnung.
Einfach ist dieser Spagat natürlich nicht – zwei Monate an einem einzigen Ort zu verbringen ist für Hope völlig ungewohnt. Doch auch das Festival muss Herausforderungen meistern: Die Finanzierung klassischer Musik, die Verjüngung des Publikums, politische Debatten um Künstler und der Einfluss neuer Technologien, allen voran künstlicher Intelligenz, sind Themen, die er für die Zukunft mitdenken muss. «Die Hörgewohnheiten sind anders, die politische Lage ist anders, die Menschen sind anders», sagt er. «Veränderung hat heute eine andere Gewichtung – aber genau darin liegt auch die Möglichkeit, Dinge neu zu denken.»
Hope wurde in Durban geboren. Sein Vater stand dem Apartheid-Regime kritisch gegenüber, die Familie zog nach Grossbritannien, als Hope erst sechs Monate alt war. Früh war sein Leben von Musik geprägt: Künstler gingen ein und aus, Proben und Konzerte bestimmten den Alltag. Mit drei Jahren erklärte er, Geiger werden zu wollen. Er besuchte die Yehudi Menuhin School, wechselte später an die Highgate School, studierte an der Royal Academy of Music und in Lübeck. Seinen Job versteht er bis heute als Arbeit: «Üben heisst nicht spielen», sagt er – sondern sich mit technischen und musikalischen Problemen auseinanderzusetzen. Mit 15 gab Hope 1989 sein Debüt in Finnland. Kurz darauf begann die Zusammenarbeit mit Menuhin, den Hope als Kind nur «Houdini» nannte, weil er dessen Vornamen nicht richtig aussprechen konnte.
«Er hat diesen Namen sehr gemocht, ich habe viele Briefe, die er mit ‹Houdini› unterschrieben hat», sagte Hope bei der Vorstellung seines ersten Programms – «er war in gewisser Weise auch ein musikalischer Entfesselungskünstler.» Die Kooperation hielt an und endete 1999 bei Menuhins letztem Konzert mit Hope als Solist. 2002 wurde Hope jüngstes Mitglied des Beaux Arts Trio; ein Schritt, der in der klassischen Musik als Auszeichnung gilt. Seit 2007 ist Hope Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon. Er konzertiert weltweit, wurde 2016 Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters und ist seit 2020 Präsident des Beethoven-Hauses in Bonn. Über hundert Konzerte pro Jahr kommen weiterhin zusammen.
Parallel begann er aber früh, sich auch als Kurator und Moderator zu positionieren. Während der Coronapandemie entstand auf Arte das Format «Hope@Home», in dem er Musiker zu ihrem Werk und ihrem Leben befragte und mit ihnen musizierte.
Auf die Frage, ob sich mit all diesen Rollen ein Festival mit über siebzig Konzerten organisieren lasse, reagiert Hope locker: Entscheidend sei nicht der Kalender, sondern die Energie. Dennoch merke er, dass er mehr auf sich achten müsse – «früher konnte ich aus dem Flugzeug springen und sofort in die Probe gehen». Doch der grösste Luxus sei für ihn dennoch derselbe geblieben: «Ich möchte aussuchen, mit wem ich spiele und was ich spiele.»
Auch über die Frage der Politik spricht Hope klar: Musiker stünden heute schneller im politischen Raum, ob sie das wollten oder nicht. «Man wird sehr viel schneller gelesen», sagt er, «und manchmal auch eingeordnet.» Kunst habe immer mit Gesellschaft zu tun gehabt, aber der Ton habe sich verändert. Yehudi Menuhin sei für ihn auch in dieser Hinsicht eine Orientierung: «Er war nicht nur ein Geiger», sagt Hope, «sondern jemand, der humanistisch, politisch gedacht hat»; nicht als Parole, sondern als Haltung. Kunst könne «etwas in Bewegung bringen», ohne festzulegen, was am Ende zu denken sei.
Technologie begegnet Hope ohne Alarmismus: Streaming, Social Media und künstliche Intelligenz seien Realität. «Das sind Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen», sagt er. Die Frage sei nicht, ob Technik komme, sondern was sie verändere; z. B. rund um die Frage «Was ist Kreativität eigentlich?» Technik könne Prozesse beschleunigen, Reichweiten vergrössern, aber sie ersetze nicht das, was im Konzert entstehe. «Dieses unmittelbare Erlebnis», sagt Hope, «das passiert nur da, im Raum, im Moment.»
Wenn es dann um Geld geht, weiss Hope ob der Schwierigkeiten: Die Finanzierung von Hochkultur sei «sicher nicht einfacher geworden». Festivals müssten mehr erklären, mehr vermitteln, mehr begründen. Gleichzeitig wolle er Entscheidungen nicht aus Angst treffen: «Ich möchte gern, dass die Künstler ein volles Haus haben.» Halb volle Säle seien «ein bisschen schade». Es gehe um Vertrauen, sagt Hope, um das Vertrauen von Publikum, Förderern und Künstlern: «Ohne das funktioniert es nicht.»
Hope will 2026 bewusst Orientierung geben, etwa mit musikalischen Schwerpunkten wie «Living Legends», «Ladies First» oder «Next Generation». Und auch die Conducting Academy, ein Ausbildungsprogramm für junge Dirigenten und Dirigentinnen, wird um- und ausgebaut. Aber Hope spricht weniger von Strategie und mehr von Wirkung, wenn er gefragt wird, was das Festival schaffen soll. Er erzählt von einer Begegnung im Flugzeug auf dem Rückweg aus San Francisco: Ein Mann habe ihn angesprochen, dessen Frau während der Pandemie seine Sendung gesehen habe. «Sie können nicht ahnen, was das damals für uns bedeutet hat», habe er gesagt – ein Lichtblick.
«Diese Idee eines Lichtblicks verbinde ich essenziell mit Kunst und Kultur», sagt Hope. Beim Publikum denkt er weit: Vieles könne ein Konzertsaal sein – «eine Kirche; eine Scheune auf dem Berg». Zudem will er die lokalen Möglichkeiten noch besser nutzen: eine Filmreihe im lokalen Kino oder Wanderungen mit dem neuen Verwaltungsratspräsidenten Richard Müller, ein ausgebildeter Bergführer, unter dem Titel «President’s Hikes». Hope weiss aber auch, dass Veränderung nicht immer alle erreicht: Manche würden fragen, warum etwas nicht weitergehe, andere, warum etwas Neues komme – «alle abzuholen geht nicht».
Zur neuen Aufgabe gehört auch Zurückhaltung. «Die Gefahr ist, dass man sich jeden Abend selbst auf die Bühne setzt.» Das sei nicht möglich und nicht gesund. Gleichzeitig freut er sich aber darauf, als Zuhörer in vielen Konzerten zu sitzen: «Das kann ich viel zu selten.»