Astronautin auf Abruf

Carmen Possnig hat minus 80 Grad Celsius in der Antarktis überlebt, ein sechsstufiges ESA-Auswahlverfahren bestanden und forscht an Fragen der Weltraummedizin. Ob sie jemals ins All fliegt, ist offen – was sie dort tun möchte, weiss sie schon lange: Lösungen für irdische Probleme finden, die nur die Schwerelosigkeit bieten kann.

Es war nicht einfach, einen Gesprächstermin zu finden – Carmen Possnig steckt inmitten eines Übungsblocks. Die Reserve-Astronautin der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und ihre internationalen Kollegen absolvieren drei dieser Trainingsphasen zu je zwei Monaten, um sich auf einen möglichen Flug ins All vorzubereiten. Sie lernen wissenschaftliche Grundlagen der Raumfahrt kennen, absolvieren Notfallübungen unter Wasser und setzen sich mit Teamdynamiken auseinander. Im Gegensatz zu den fünf Berufsastronauten, die die ESA im Jahr 2022 gleichzeitig mit Possnig kürte, gehen die Kollegen der Reserve im Alltag aber weiterhin ihrem Broterwerb nach. „Manche Kollegen lösen Urlaubstage ein, andere nehmen sich unbezahlt frei“, sagt Possnig. Einige arbeiten auch am Abend nach den Trainingseinheiten und am Wochenende.

Possnig selbst hat es ein wenig einfacher. Die promovierte Medizinerin ist zu 50 % beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) angestellt, die anderen 50 % arbeitet sie für das Wissenschaftsteam der ESA. Ein bisschen Multitasking ist dennoch gefragt: „Für zwei Monate alles liegen zu lassen, das funktioniert nicht“, so Possnig. Als ESA-Mitarbeiterin unterstützt sie vor allem das Wissenschaftsmanagement der Weltraumorganisation. In dieser Funktion beschäftigt sie sich mit der Frage, was nötig ist, um die Erforschung des Weltalls voranzutreiben. Für das DLR leitet sie medizinische Forschungsprojekte im Bereich Raumfahrt – das, was Possnig eines Tages auch im Weltall machen möchte. Ob es dazu kommt, hängt letztlich von zwei Faktoren ab: politischem Willen und finanziellen Mitteln.

Der Weltraum ist längst mehr als eine Projektionsfläche von Sehnsüchten, er ist ein milliardenschwerer Markt. Doch zwischen dem, was die Branche antreibt, und dem, was die Öffentlichkeit wahrnimmt, klafft eine bemerkenswerte Lücke. Für Aufsehen sorgte vergangenes Jahr der Blue-Origin-Flug NS-31, der Sängerin Katy Perry, Fernsehmoderatorin Gayle King und Unternehmerin Lauren Sánchez für zehn Minuten und 21 Sekunden Richtung Weltraum beförderte. Es hagelte Kritik an dem von Milliardär Jeff Bezos finanzierten Projekt; Guardian-Kolumnistin Marina Hyde nannte es eine „Zeitkapsel der lächerlichsten Unsinnigkeiten des Girlboss-Feminismus der 2010er-Jahre“. Die japanische Brauerei Asahi-Shuzo hat indes erst kürzlich Sake an Bord der Internationalen Raumstation ISS fermentiert – einem anonymen Käufer waren 100 Milliliter 110 Mio. Yen (587.000 €) wert.

Die eigentliche Ökonomie des Weltalls spielt sich jedoch anderswo ab. Das Marktvolumen der Weltraumwirtschaft wurde für 2025 auf rund 450 Mrd. US-$ (380 Mrd. €) geschätzt und dürfte bis 2035 auf knapp 1 Bio. US-$ wachsen, wie eine Studie des Marktforschungs­anbieters Future Market Insights verrät – wobei allein der Satellitensektor rund 61 % ausmacht, mit Erdbeobachtung, Kommunikation und Navigation als wirtschaftlichem Rückgrat. Die private unbemannte Weltraumwirtschaft ist zwischen 2013 und 2023 um 54 Mrd. US-$ gewachsen. Angekurbelt hat sie besonders das Geschäft mit Fernerkundungsdiensten – Technologien, die heute Landwirtschaft, Katastrophenschutz und Logistik auf der Erde in Echtzeit steuern. Das Beratungsunter­nehmen McKinsey und das Weltwirtschaftsforum schätzen das wirtschaftliche Potenzial deutlich höher ein. Noch in seinen Anfängen steht der Weltraum-Bergbau: Asteroiden gelten als besonders wertvoll, da manche grosse Mengen an Eisen, Nickel, Kobalt sowie Platinmetallen enthalten. Nicht ohne Grund fragt sich Possnig, angesprochen auf die Artemis-II-Mission der USA im April dieses Jahres, wo Europa seinen Platz findet – den europäischen Staaten fehlt ein eigenes bemanntes Raumschiff, für Flüge zur ISS sind sie auf russische oder US-amerikanische Kapseln angewiesen. Das könne langfristig zu einer gefährlichen Abhängigkeit führen, warnt Possnig.

Der Wunsch, ins All zu fliegen, begleitet Possnig seit ihrer Kindheit. Für das Medizinstudium inskribierte sie erst, nachdem sie sich auf der ESA-Webseite versichert hatte, dass unter den Astronauten auch Mediziner waren. Sie hatte ihren PhD im Bereich Weltraummedizin an der Universität Innsbruck begonnen, als sie den Anruf erhielt, das sechsstufige Auswahlverfahren der ESA bestanden zu haben. Bereits vier Jahre zuvor war Possnig von der Weltraumorganisation ausgewählt worden, um als Forschungsärztin in die Antarktis zu reisen. Gemeinsam mit zwölf anderen Personen verbrachte die Medizinerin 13 Monate auf der Station Concordia; vier Monate davon, ohne Sonnenlicht zu sehen, bei bis zu minus 80 Grad Celsius Aussentemperatur. Über lange Zeiträume war das Team komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. Die ESA nutzte das Experiment, um Anpassungsprozesse von Körper und Geist zu erforschen. „Sehr viele Dinge sind einem Weltraumflug sehr ähnlich“, so Possnig. „Egal, was für ein Problem entsteht, wir müssen mit allem alleine fertig werden.“

Als grösste Herausforderung erwies sich das Zusammenleben. Eine stehen gelassene Kaffeetasse, zwei Minuten Verspätung zum Abendessen – selbst kleinste Konflikte können sich unter diesen Umständen aufstauen und eskalieren. Diese möglichst schnell anzusprechen sei das A und O, so die Weltraummedizinerin. Die Erfahrung habe sie viel über Konfliktmanagement, Kommunikation und sich selbst gelehrt; etwa den Wert von Anpassungsfähigkeit: „Man wird komfortabel damit, dass es manchmal nicht so komfortabel ist“, so Possnig.

Bereits während ihres Aufenthalts in der Antarktis schrieb sie täglich Tagebuch in Form einer Stichwortliste in Excel. Das daraus entstandene Manuskript schickte Possnig an 25 Verlage. „Ich hatte Glück, dass einer davon tatsächlich Interesse hatte“, schmunzelt sie. Mittlerweile liegt ihr Buch in der dritten Auflage vor, eine weitere wird aber nicht folgen.

Sollte sie es ins All schaffen, schweben Possnig zahlreiche Experimente vor – denn es gibt einen Faktor, den kein irdisches Labor replizieren kann: Schwerelosigkeit. Die Reserveastronautin erzählt von einem Kollegen, der im Weltall „sehr viel Beton angerührt hat“: Der Baustoff kann in der Schwerelosigkeit homogener durchmischt und mit Erkenntnissen aus diesen Experimenten künftig CO2-sparender hergestellt werden. In der Alzheimer-Forschung ermöglicht die Schwerelosigkeit, stabilere Proteinstrukturen zu züchten, an denen neue Wirkstoffe getestet werden können. Possnigs Augen leuchten, während sie skizziert, wie Forschung im Weltall helfen könnte, Probleme auf der Erde zu lösen.

Sollte sich die österreichische Regierung in den kommenden Jahren für die Teilnahme an einer bemannten Raumfahrt der ESA entscheiden, wäre Possnig wohl an Bord. Darauf verlassen, dass das von selbst passiert, möchte sie sich aber nicht. Aktuell ist Possnig dabei, ein Team und ein Netzwerk aus Sponsoren aufzubauen. Mehr verrät sie auf Nachfrage nicht.

Wie ist es, auf ein Ziel hinzuarbeiten, dessen Eintreten so ungewiss ist? „Das Schöne am Weltall ist, dass man an Langzeitzielen arbeiten kann“, so die Reserve-Astronautin. Das helfe, einen positiven, einen optimis­tischen Blick auf die Zukunft zu bewahren, sagt sie – „und ich glaube, genau das braucht unsere Welt jetzt“.

Fotos: Carmen Possnig

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