«Am Ende muss es einen packen»

Xenia Hausner vermisst die Welt aus einem weiblichen Blickwinkel. In ihrem Kosmos, sagt sie, spielen Frauen alle Rollen, stellvertretend für alle Genderzugehörigkeiten. Frauen seien vielschichtiger, kontroverser, neigen zur Selbst-Sabotage; sie sind komplexe, spannende Wesen, sagt sie – «sie sind kunstfähiger».

Xenia Hausner betritt mit uns ihr Atelier am Traunsee. Sie arbeitet vornehmlich an drei Standorten: im Salzkammergut, in Wien und in Berlin. Gleich mehrere Werke sind hier in Arbeit; dünne Holzplatten – in unterschiedlichen, amorphen Formen zugeschnitten und bemalt – auf rollenden Staffeleien auf der einen Seite, am anderen Ende ein an Seilwinden befestigtes grossformatiges Bild, davor steht eine transportfertige Arbeit auf einer in Schmetterlingsform zugeschnittenen Platte. Mehrere Personen ziehen da eine junge Frau an einem Geländer hoch; durch die Schmetterlingsform des Untergrunds, das Fehlen des Kopfs der Figur in der Bildmitte und auch durch die Zieh- und Fallbewegung wird das Zweidimensionale der Malerei ins Drei­dimensionale fortgesetzt – und der Betrachter somit gezwungen, das Bild mit seiner eigenen Vorstellungskraft weiter­zudenken. Die Szene fesselt einen unmittelbar.

Hausner malt gerne auf festem Untergrund, etwa auf Dibond- oder Holzplatten, die sie zunächst abschleift und auf denen sie anschliessend mit einer Misch­technik aus Acryl- und Ölfarben arbeitet. Zu den Inhalten ihrer Werke selbst geht sie grundsätzlich ungern ins Detail: «Ich gebe keine Gebrauchsanweisungen; im Gegenteil, eindeutige Lesarten sind langweilig», sagt sie. Es brauche auch als Betrachter immer etwas Unbeantwortetes, Irrationales, so Hausner weiter. «Das Kunstwerk muss, finde ich, die Fähigkeit haben, die Menschen anzu­springen und sie zum Nachdenken anzuregen. Es gibt keine richtige oder falsche Lesart. Letztendlich muss das Bild nur eine Projektionsfläche bieten – diesen doppelten Boden muss es mitbringen und einen am Ende ­weiter beschäftigen.» Das sei für sie auch keine Frage der Kunstrichtung, sagt Hausner.

Einmal abgesehen von ihrer Erscheinung verfügen Frauen über eine spannende Gefühlswelt: Sie sind kompliziert, vielschichtig und widersprüchlich – und so insgesamt kunstfähiger.

Xenia Hausner

Licht wie Schatten spielen in Hausners Werk jedenfalls eine zentrale Rolle. «Diese ‹Caravaggio-Situation›, das Spiel von hell und dunkel, das liebe ich», sagt sie. Aus einer dunklen Theaterloge, mit einem drama­tischen Licht von unten, blicken uns auch bekannte Gesichter entgegen – man meint die Schauspieler Dörte Lyssewski oder Manuel Rubey zu erkennen. Wichtig sei das nur bedingt, so Hausner; alle Protagonisten und Protagonistinnen bekommen den ihnen ­zugewiesenen Platz. Jede Figur ist Teil einer Inszenierung, egal, ob sie berühmt sind oder nicht, sagt die Malerin; «wie in einem Filmset oder im Theater». Ihre Malerei und ihre skulpturalen Arbeiten will sie aber nicht mit ihrer früheren Tätigkeit als Bühnenbildnerin in Verbindung gebracht sehen – wenngleich sie «eine Lust an Raumempfindung» nicht abstreitet.

Trotzdem erinnert das Atelier stellenweise an einen Filmfundus. Da stehen zwei alte Telefone neben einem Stapel Bildbänden und Magazinen auf einem 60er-Jahre-Sofa; ein Rettungsring ist an die Pappkartonwand eines nachgebauten Zugabteils gelehnt, dahinter im Eck ist der Kanister abgestellt, den Hausner auf den Kopf einer ihrer Protagonistinnen gelegt und gemalt hat. Viele dieser Elemente finden sich zunächst in ihren Bildern, bevor sie sich in der Tradition der Objets Trouvés aus der Malerei heraus in den Raum fortsetzen und Teil ihrer «dreidimensionalen Arbeiten» werden.

Zu sehen sind auch kleinere Editionsobjekte der skulpturalen Arbeit «Atemluft», die, als Bad Ischl 2024 zur Kulturhauptstadt wurde, in ihrer originalen Grösse von drei Metern Aluminium und Bronze auf dem Bahnhofsvorplatz enthüllt wurde. Es ist die erste im öffent­lichen Raum gesetzte Skulptur Hausners, die sich darin mit dem Klimawandel, der Knappheit und dem Kampf um lebensnotwendige Ressourcen auseinandersetzt. «Atemluft» steht inzwischen an ihrem ursprünglichen Bestimmungsort, dem André-Heller-Park in Wien; am Bad Ischler Bahnhofsvorplatz steht nun an ihrer statt «Turn of Time» (2026).

Wieder ein zum stillen Schrei erhobener weiblicher Kopf, allerdings jetzt anstatt mit Sauerstoffflasche mit einer grünen Uhr auf der Stirn; der Zeiger steht auf fünf vor zwölf. «Eigentlich denke ich, dass die Uhr, wenn wir auf die globalen Probleme schauen – Demokratie­verlust, Radikalisierung, Krieg und Klimawandel –, bereits auf fünf nach zwölf stehen sollte. Ich wollte die Ischler Bürgerinnen und Bürger mit meiner Lesart aber nicht entmutigen», erläutert Hausner. Und sie erklärt: «Die Uhr dreht sich in einer Stunde einmal um die eigene Achse. Sie ist immer in Bewegung, Tag und Nacht; geht man nur kurz vorbei, bemerkt man das gar nicht. Kommt man nach 15 Minuten zurück, steht sie ein Stück weiter und man denkt zuerst, man hat sich geirrt. Dass sie sich so unmerklich weiterdreht, wir es erst später wahrnehmen und dennoch nicht reagieren, ist ein warnender Appell: Etwas mit ‹unserer Uhr› stimmt nicht.» Bei manchen Bürgerinnen und Bürgern in Bad Ischl sei dies ebenfalls nicht unbemerkt geblieben – sie riefen im Büro der Bürgermeisterin an: «Die Uhr ist hin!»

Bei allen künstlerischen Interventionen gebe sie sich nicht der Illusion hin, Kunst könne die Realität verändern, sagt Hausner. «Kunst hat noch nie die Realität verändern können; und dennoch sehe ich es als Teil unserer Aufgabe als Künstler, Themen aufzugreifen und die Menschen wachzurütteln. Wir setzen uns mit un­serer Zeit auseinander und melden uns zu Wort.»

Neben dem Thema Klima sind das bei Hausner ­Zugehörigkeit und Migration. In der «Exiles»-Serie aus dem Jahr 2017 etwa sieht man Menschengruppen, die in einem Zugabteil eng aneinandergepfercht stehen – Szenen, die sich nach Kriegsflucht anfühlen und bei genauerem Blick doch keine sind. «Was in der Welt vor sich geht, muss irgendwie mit meiner inneren Uhr zusammenfallen», sagt Hausner. «Der Stoff ist in mir angelegt, aber es gibt auch eine andere Ebene – eine Wahrnehmung der Welt und dessen, was rund um uns passiert. Der Zug steht nicht nur für Migration im ­tagesaktuellen Sinn, sondern ganz allgemein für Wurzellosigkeit und Unzugehörigkeit.»

Hausner baut Sets auf, wie im Film werden Szenen und Konstellationen ausprobiert und inszeniert. «Und erst, wenn sich daraus eine Bildanlage entwickelt hat, kommen die Menschen wieder ins Studio, um ihre ­Position einzunehmen und gemalt zu werden», sagt Hausner. Doch selbst dann wird bis zum Schluss ­herumgeschoben und probiert – «bis es passt».

Dass manche der Figuren im wirklichen Leben Schauspieler sind, kann gerade bei einer intimen Situation von Vorteil sein: «Sie können zum Beispiel einen Kuss lange halten und ihn immer wieder reproduzieren», sagt die Künstlerin – und erinnert sich daran, wie für eines ihrer frühen Werke («Liebestod») der Schauspieler Peter Simonischek in einer Sterbeszene Modell stand. Dabei bot er ihr immer wieder neue Varianten des Sterbens an, so Hausner weiter. «Er war in seinem virtuosen Ausdrucksreichtum toter als tot. Laien haben aber auch etwas ganz Wundervolles, nämlich die Kraft der Naivität. Sie sind sich ihrer Mittel gar nicht bewusst, was oft zu überraschenden Zufällen führt», so Hausner aus ihrem Alltag im Atelier.

«Die Beobachtung ist aber immer wechselseitig», sagt sie – «dieses gegenseitige Anschauen muss man eben aushalten», so die Künstlerin weiter. In ihren oft überlebensgrossen Formaten schauen uns die Figuren eindringlich entgegen – «selbstbestimmt und liebessehnsüchtig zugleich», kommt ihr dann doch ein Kommentar aus.

Xenia Hausner malt mit Vorliebe Frauen und besetzt sie in ihren Arbeiten, wie sie sagt, «in allen Rollen – auch stellvertretend für alle Genderzugehörigkeiten». Schon rein formal seien Frauen interessanter: «Einmal abgesehen von ihrer Erscheinung verfügen Frauen über eine spannende Gefühlswelt; sie sind kompliziert, vielschichtig und widersprüchlich – und so insgesamt kunstfähiger.» Ihre eigene Wahrnehmung eines weiblichen Selbstverständnisses ist für sie seit 50 Jahren unverändert, sagt die Künstlerin: «Ich bin schon lange dort» – lange bevor das Thema mehr in Richtung Mitte der Gesellschaft gerückt sei.

Es mag auch an ihrer Unbeirrbarkeit in manchen Themen gelegen sein, dass sich Hausner einen fixen Platz am heimischen und internationalen Kunstmarkt gesichert hat. In Österreich ist Hausner unter den Top 50 der heimischen Künstlerinnen gelistet. «Diese Rankings deprimieren mich», sagt sie dazu – nicht, weil sie den Kunstmarkt ablehnt (sie verfolge durchaus, was dort passiert, welche Positionen sichtbar werden, und entdeckt auch Künstlerinnen und Künstler darüber neu); doch mit der Vorstellung, dass sich künstlerische Relevanz in Rankings und einer Hierarchisierung niederschlägt, könne sie wenig anfangen. «Aber insgesamt bin ich dafür», sagt sie und lacht. Die Preise für Unikate der Künstlerin bewegen sich im fünf- bis sechsstelligen Bereich.

Hausners malerisches Gesamtwerk zählt einige Hundert Werke – Gross-, Mittel- und Kleinformate, Editionen, Fotografien. Eine genaue Zahl gibt es nicht, es dürften zwischen 400 und 500 Werke sein. Sie selbst bezeichnet sich als produktiv, in ihrer Arbeitsweise allerdings langsam: «Im Jahr male ich rund 20 grossformatige Bilder, dazu kommen diverse Papierarbeiten und jetzt auch dreidimensionale Objekte – Malerei mit Volumen sozusagen. Das ist mit Kunstmarkt-Augen betrachtet nicht viel.»

Um uns einige ihrer letzten Arbeiten zu zeigen, die zu einem grossen Teil auch noch «Work in Progress» sind, führt uns Hausner in eine Scheune gleich neben der Einfahrt zum Atelier. Flucht und Unzugehörigkeit sind auch hier zentrale Themen. In der Scheune werden gröbere Arbeiten erledigt – hier entstehen die grösseren Skulpturen, erklärt sie. Mehrere bunt bemalte amphorenartige Objekte stehen dort zur weiteren Be­arbeitung bereit, dahinter finden sich Szenen von Stränden und Gestrandeten. Was auf den ersten Blick durch die Farbgebung fast fröhlich anmutet, entpuppt sich auf den zweiten als schreckliche Szenerie von der Flucht über das Mittelmeer. «An den Stränden von Sizilien und Griechenland werden die Gegenstände der ­Geflüchteten angeschwemmt und verheddern sich in der dortigen Vegetation», beschreibt Hausner die erschütternden Szenen. Und so ragen aus einem tiefen Holzrahmen Ohrenkakteen hervor, zwischen denen sich einzelne Schuhe und Sandalen verfangen haben.

Zusätzlich zu den gezeigten ­«dreidimensionalen Fortsetzungen der Malereien» entstehen in Zusammen­arbeit mit Gmundner Keramik grossformatige Boden­vasen. Sie sind Teil des «Academy of Ceramics»-­Pro­gramms der OÖ Landes-Kultur GmbH, die regelmässig nationale wie internationale Künstler einlädt – 2025 etwa war Erwin Wurm eingeladen, erzählt Hausner.

Wie es sich mit dem Werkstoff Ton arbeiten lässt und ob sie sich damit ebenfalls ihren Kernthemen widmet, wollen wir am Ende wissen. Hausner: «Ich liebe ja in der Malerei weiche Formen, da kommt mir Ton als Material entgegen. Ausserdem bemale ich die Objekte selbst – eine besondere Herausforderung für mein farb- und sinnenfreudiges Auge, denn die Keramikfarben sehen vor dem Brand grau aus», lacht sie. Das entspricht auf eine Art vielleicht auch der «Frage, wohin wir gehen und wie wir mit den Riesenveränderungen der heutigen Zeit umgehen werden», sagt sie – «das sind nicht nur die Flüchtlingskrise, der Kampf um die Ressourcen oder der Demokratieverlust, sondern auch die KI als nicht einschätzbarer Gamechanger. Dieses Fragezeichen hängt ja heute mehr denn je über den Köpfen der jungen Generationen, die überhaupt nicht wissen, wie das alles weitergehen soll.» •

Fotos: Gianmaria Gava

Heidi Aichinger,
Herausgeberin

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